Ein Raum für die Stimme: Die Wahlkabine
Alle haben die Wahl: Entwurf einer inklusiven Wahlkabine im Kontext der World Design Capital 2026.
Wahlen finden oft hinter klapprigen Stellwänden statt – in Turnhallen, Gemeindesälen oder anderen provisorischen Räumen, die nicht immer barrierefrei zugänglich sind. Wer kann eintreten, und wer bleibt draußen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Studierende der Frankfurt University of Applied Sciences im Wintersemester 2025/2026. Im Rahmen der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain entwarfen und bauten sie unter der Leitung von Prof. Julian Busch und Ruth Schloegl eine inklusive Wahlkabine im Maßstab 1:1.
Als World Design Capital 2026 zeigt Frankfurt Rhein-Main, wie Gestaltung gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Wandel anstößt. Der passende Rahmen für ein Studio, das unter dem Leitgedanken „Alle haben die Wahl" fragte: Wie prägt Gestaltung demokratische Prozesse und politische Teilhabe?
Vom Einzelentwurf zum Prototyp
Zwischen Typologie und Politikwissenschaft: Der Kurs begann mit kompakten Inputs zu Wahlräumen, politischer Architektur, internationalen Abstimmungssystemen und temporären Bauten. Dieser Recherche folgte eine dreiwöchige Entwurfsphase. 15 Studierende erarbeiteten jeweils eigene Wahlkabinen. Eine interdisziplinäre Jury – mit Vertreter*innen der Hochschule, der Stadt Frankfurt und der WDC 2026 – wählte drei Konzepte aus. Diese verbanden unterschiedliche Ansätze: Einige setzten auf barrierefreie Nutzung, andere auf transparente Raumgrenzen oder eine starke Wirkung im Stadtraum. Aus den drei Arbeiten entstand schließlich ein gemeinsamer Prototyp.
Im letzten Drittel des Semesters arbeiteten die Studierenden wie ein Architekturbüro. Sie planten Abläufe, recherchierten Materialien, entwickelten Details und bauten die Kabine gemeinsam. Aufgebaut wurde die Kabine vor dem Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Main. Zusätzlich entwickelte Prof. Christoph Knoth von der Hochschule für bildende Künste Hamburg gemeinsam mit Yeji Cheon eine begleitende Flagge zum Thema Demokratie, um die Installation im Stadtraum stärker hervorzuheben.
Konstruktion als demokratisches Testfeld
Die Wahlkabine ist modular und mobil aufgebaut. Sie lässt sich in verschiedenen Positionen nutzen und bleibt auch für Rollstuhlnutzer*innen zugänglich. Bewusst verzichteten die Studierenden auf Farben, um keine Assoziationen zu politischen Parteien zu wecken. Stattdessen bestimmten Holz, Metall und wiederverwendete Materialien die Konstruktion. Die hohe, transparente Struktur wirkt offen und einladend. Gleichzeitig stellte sich gerade dadurch eine praktische Frage: Als mobiles Objekt gedacht, erscheint die Kabine in ihrer gebauten Form deutlich größer, als man es von einer klassischen Wahlkabine erwarten würde. Im Außenraum funktionierte diese Präsenz als Zeichen. Für Innenräume oder spontane Einsätze wirkte sie dagegen nur bedingt flexibel. Ob sie sich in kleineren Maßstäben denken lässt – transportabler, skalierbarer –, bleibt als Aufgabe offen.
Ein Prototyp – und seine offenen Fragen
„Alle haben die Wahl.“ Aber haben wirklich alle die Wahl? Kinder und Jugendliche bleiben ausgeschlossen. Viele Menschen, die seit Jahren in Deutschland leben, arbeiten und den Stadtraum mitprägen, dürfen dennoch nicht überall politisch mitentscheiden. Andere scheitern weniger am Wahlrecht als an den Räumen, in denen gewählt wird. Die Kabine löste diese Widersprüche nicht auf. Aber sie machte sie sichtbar. Ihre transparente Struktur rückte den Wahlraum selbst in den Fokus: als Ort, der Teilhabe ermöglichen oder erschweren kann.