Praxis am Grund: Die Klasse abk groundworks

Aus den räumlichen Schichten des IGA-Geländes in Stuttgart entstanden architektonische Entwurfsfragmente. Eine Grundlehre, die gestalterische Haltung prägt.

Gestaltung beginnt nicht mit der Form, sondern mit dem Verstehen. Dieser Grundsatz prägte die Arbeit der Klasse abk groundworks an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart unter der Leitung von Vertretungsprofessor Sebastian KlawiterIm Wintersemester 2025/26 untersuchten die Erstsemester*innen das ehemalige Gelände der Internationalen Gartenbauausstellung 1993 in Stuttgart, wo sich Landschaft, Architektur und Kunst vielschichtig überlagern. Ziel des Studios war es, grundlegende gestalterische Fähigkeiten zu entwickeln und eine erste Haltung im Entwerfen zu formulieren.

Grundlagen als Ausgangspunkt gestalterischer Praxis

Das Studio arbeitete „am Grund“ – im doppelten Sinne: Es erforschte die fundamentalen Bedingungen von Gestaltung ebenso wie die Beweggründe, aus denen Entwürfe entstehen. Groundworks beschrieb dabei eine vorbereitende Praxis, die dem eigentlichen Entwerfen vorausgeht. Es fragte: Durch welche Werkzeuge, welches Wissen und welche Haltung wird Architektur zu einer verantwortungsvollen Praxis?

Zentral war dabei die Annahme, dass Gestaltung immer in komplexe räumliche, soziale und kulturelle Kontexte eingebunden ist, die das Studio aktiv untersuchte und hinterfragte. Wahrnehmung galt dabei als grundlegende Kompetenz – als bewusste, situierte Praxis, gebunden an die Perspektive der Beobachtenden. Die Studierenden entdeckten sichtbare und unsichtbare Spuren und erkannten Zusammenhänge, die als Grundlage für weitere gestalterische Entscheidungen dienten.

Stratigraphie als Methode: Wahrnehmen, Freilegen, Setzen

Methodisch orientierte sich das Studio an der Stratigraphie – einer Technik aus Archäologie und Bauforschung, die zeitliche sowie räumliche Beziehungen sichtbar macht. Übertragen auf den architektonischen Kontext bedeutete dies, urbane Räume als Überlagerung physischer, sozialer und kultureller Schichten zu untersuchen.

Die Arbeit verlief in vier Phasen: Ankommen, Freilegen, Setzen und Erzählen. Methoden wie das „Situated Drawing“, bei dem Räume aus der Erinnerung gemeinschaftlich gezeichnet werden oder die Spaziergangswissenschaft „Dérive“ schärften die Wahrnehmung und halfen, individuelle Zugänge zum Raum zu finden.

Mithilfe von Zeichnungen, Modellen, Fotografien und Audioaufnahmen konnten die Studierenden räumliche Zusammenhänge interpretieren und in erste Entwurfsansätze überführen. Groundworks operierte bewusst im Vorfeld des Sichtbaren – als Prozess der Annäherung, der Beobachtung und der präzisen Setzung.

Vom Fragment zum Entwurf: Arbeiten zwischen Analyse und Intervention

Die Arbeiten waren vielmehr Entwurfsfragmente als abgeschlossene Projekte – präzise formulierte Hypothesen im Raum. Ihre individuellen Beobachtungen auf dem IGA-Gelände verdichteten die Teilnehmenden in Form von subjektiven Kartografien, Fallstudien und Materialuntersuchungen. 

Im Projekt „Insight“ etwa entstand ein hybrides Objekt aus analogem Fernglas und digitalem Interface, das durch immersiven 3D-Scan unterschiedliche Realitätsebenen eines Ortes erfahrbar machte. Andere Arbeiten untersuchten räumliche Phänomene wie Atmosphäre, Proportion oder Bewegung und übersetzten diese in abstrakte Darstellungen. Entwürfe wie „Mute“ oder „Körpererweiterung“ arbeiteten performativ mit dem Verhältnis von Körper und Raum und hinterfragten gewohnte Wahrnehmungsmuster. 

Allen Arbeiten gemeinsam war ihr prozesshafter Charakter: Sie entdeckten spezifische Schichten eines Ortes und entwickelten daraus gezielte Interventionen. Dabei ging es in erster Linie um die Entwicklung einer eigenen Entwurfshaltung im Wechselspiel von Analyse, Interpretation und Gestaltung. 

Im folgenden Semester wird dieser Ansatz weitergeführt: Am Gelände der Villa Moser im Stuttgarter Leibfriedschen Garten untersuchen die Studierenden erneut die Überlagerung von Architektur, Landschaft und Geschichte. Groundworks versteht sich damit als fortlaufenden Prozess – als Praxis des genauen Hinsehens und des schrittweisen Entwerfens.