Leerstände, Baulücken, Restflächen: Ein interdisziplinärer Lehransatz

Welche versteckten Potenziale birgt der übersehene urbane Bestand? Über eine Lehre, die sich auch in einer Wettbewerbsauslobung widerspiegelt.

Zwischen kreativer Freiheit und dem Korsett bauphysikalischer, statischer und ökonomischer Anforderungen soll Raum für Experiment entstehen – diese Haltung prägt die fakultätsübergreifende Lehre von Prof. Manuel Rausch. Seit 2024 ist er Professor für Entwerfen und Konstruieren an der HFT Stuttgart und fungiert als Bindeglied zwischen den Fakultäten für Architektur und Gestaltung sowie Bauingenieurwesen. In dieser Rolle vermittelt er Studierenden der zwei verwandten Disziplinen bereits im Bachelor ein umfassendes Verständnis für kreislauffähiges Planen und Bauen.

Frühe Kooperationen mit dem Ingenieurswesen

Rauschs Interesse an geschlossenen Systemen und langfristigen Betrachtungen formte sich während seiner Lehrtätigkeit am KIT, wo er an Projekten wie RoofKIT mitwirkte. Für ihn steht fest: Kreislaufgerechtes Entwerfen verlangt eine integrale Denkweise – und die muss früh eingeübt werden. Deshalb simuliert er die spätere Zusammenarbeit der Planenden bereits im Studium. Dies soll den Wissenstransfer zwischen gestalterischen und konstruktiven Kompetenzen fördern und die Sensibilität für die tatsächlichen Anforderungen des Berufs schärfen.

Formate wie das integrierte Projekt MAKE+ bringen Studierende aus Architektur, KlimaEngineering und Konstruktivem Ingenieurbau an einen Tisch. Ähnlich verlaufen die Studios, bei denen künftige Innenarchitekt*innen und Bauingenieur*innen gemeinsam im Bestand planen. 

Potenziale von Lücken, Nischen und Leerstellen

Die Studios der Professur suchen gezielt nach Potenzialen im Unscheinbaren – in Restflächen, Baulücken und untergenutzten Typologien des städtischen Bestands. Überbauungen und Ergänzungen werden zum Instrument, um urbane Inkongruenzen zu korrigieren und Kreisläufe zu schließen. Konfrontiert mit realen Bauaufgaben müssen die Studierenden schon früh zentrale Fragen mitdenken: Für wen entsteht der Entwurf? Wer beauftragt ihn? Was geschieht nach der Inbetriebnahme? Wem gehört der entstandene Stadtraum? Woher kommen die Materialien und wie werden sie entsorgt?

Drei unerwartete Bauplätze in Stuttgart-Stöckach dienten etwa als Ausgangspunkt für eine Entwurfsübung: eine Wohnbebauung in der Baulücke zwischen zwei Brandwänden, ein Anbau, eine Aufstockung von Garagen. Ähnlich operierte das Studio „Klein und Fein“, das eingeschossige Garagenzeilen einer Nachkriegssiedlung in Stuttgart-Untertürkheim als Ressource begriff. Auf den Fertigbetonstrukturen entwarfen die Teilnehmer*innen leichte Aufbauten für neue Wohnformen, die die Baumasse verdichteten und Nutzungen verschränkten. 

Ein Wettbewerb für das Dazwischen

Wie die Lehre setzt auch der Wettbewerb RE:CONNECT Stuttgart von WÖHR auf das Potenzial des vermeintlich Unscheinbaren. Als Teil der Jury wirkte Manuel Rausch an der Auslobung mit. Im Zentrum stehen Leerstände, Baulücken und Restflächen – Orte, an denen Mobilität neu gedacht werden kann. Der Wettbewerb ist eine Einladung, Parkräume nicht als Endpunkte, sondern als Impulsgeber zu verstehen: für hybride Nutzungen, zirkuläre Konzepte und unerwartete Programme. Gefragt sind Strategien, die das Denken in Kreisläufen auf den Stadtraum übertragen.