Klein aus Überzeugung: Die internationale Vision der Kharkiv School of Architecture
Frisch gegründet und schon international relevant? Eine junge Architekturschule aus der Ukraine zeigt, wie das geht – trotz unvorstellbarer Hindernisse.
Eine Architekturfakultät gab es in der Ukraine bereits – eine exklusive Hochschule für Architektur jedoch nicht. Diese wurde von einem engagierten Team 2017 in Kharkiv, im Nordosten der Ukraine, nahe der russischen Grenze gegründet. Acht Jahre später: An einem neuen Standort, mit neuen Studierenden und einem überarbeiteten Curriculum, entwickelt sich die Kharkiv School of Architecture (KhSA) weiter. Durch internationale Ausstellungen, Kooperationen und eine Jahresschau ist die Hochschule auch über die Grenzen ihres Landes hinaus immer präsenter.
Abrupter Einschnitt
Schon in den ersten Jahren etablierte sich die kleine, private Schule – mit nur 45 Bachelor- und 30 Master-Studienplätzen – in der Region. Ihr akademisches Programm orientierte sich am europäischen Architekturgeschehen. Doch 2022 zwang der russische Einmarsch in die Ukraine die junge Institution zur Flucht nach Lwiw. Untergebracht in einem Gebäudeflügel der Lviv Academy of Arts, blieb das Team der KhSA ihrem Bildungsauftrag treu und passte innerhalb kürzester Zeit die Lehre an die veränderten nationalen Prioritäten an.
LANDSCAPE – Ein Rückblick
Jahresausstellungen seien an ukrainischen Hochschulen unüblich, teilte uns das Hochschul-Team mit. Umso bemerkenswerter erscheint die Initiative der KhSA, die Arbeiten ihrer Studierenden öffentlich zu würdigen. Das Studienjahr 2024/25 stand unter dem Motto „Landschaft“. Der Begriff diente als methodischer Rahmen, als Ressource, Träger von Erinnerung oder als Schauplatz von Konflikt. „Landscape is not just form or topography. Landscape is a witness and participant of experience“, betonten die Organisator*innen der Jahresausstellung LANDSCAPE. Viele Arbeiten reflektierten konkrete Folgen des Krieges – Verlust, Isolation, ökologische und soziale Umbrüche.
Ein Schaufenster in Venedig
Auch auf der diesjährigen Architekturbiennale war die KhSA vertreten. Der Französische Pavillon zeigte unter anderem Ergebnisse des Workshops „Building Back Better“, der im Januar 2025 in Lwiw und Warschau stattfand. Dabei untersuchten über 150 Studierende, Lehrende, Forschende und zivilgesellschaftliche Akteur*innen aus der Ukraine und Europa am Beispiel von Odessa, wie physische und emotionale Schäden Städte prägen. Der Workshop diente als Pilotprojekt für einen neuen Masterstudiengang der Hochschule, der Wiederaufbau, infrastrukturelle Resilienz und kulturelle Sensibilität thematisiert.
Klein, aber mit großen Zielen
Standortwechsel, ein neues Curriculum, Lehre unter täglichem Bombenalarm – und dennoch entwickelt sich die KhSA weiter. Dabei setzt sie unter anderem auf Kooperationen mit internationalen Hochschulen. Über zwei Projekte mit der ETH Zürich haben wir bereits berichtet: 2023 lernten sechs ukrainische Studentinnen in der Schweiz, wie man mit 3D-Scans digitale Bauaufnahmen erstellt. Im selben Jahr beteiligte sich die KhSA am Forschungsprojekt „Mapping Ukraine“.
Auf der Suche nach einem eigenen Campus zieht die KhSA erneut um, innerhalb Lwiws. Trotz aller Herausforderungen bleibt die kleine Architekturschule ihrer Mission treu: die nächste Generation von Architekt*innen für den Wiederaufbau der Ukraine auszubilden.