Büro übernehmen und noch viel mehr: Die komplexe Praxis von Erik Fichter
Die Karriere mit einer Büroübernahme zu starten, klingt wie ein Sechser im Lotto. Doch was bedeutete dieser Schritt für Erik Fichter – zwischen Kontinuität, Neupositionierung und Entwicklung seiner eigenen Haltung?
Der Schritt in die Selbstständigkeit verläuft bei Architekt*innen nicht häufig geradlinig. Für Erik Fichter begann er mit der Übernahme eines bestehenden Büros – eine seltene Konstellation, Sprungbrett und Korsett zugleich. Dass er die Geschäftsführung mit weiteren Tätigkeitsfeldern verschränkt, macht seine Praxis bewusst mehrgleisig.
#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.
International aufgestellt, lokaler Fokus
Eriks Ausbildungs- und Berufsweg begann international: Auf den Bachelor an der ETH Zürich folgten Praktika in renommierten Büros in Peking, Basel, Berlin und seiner Heimatstadt München, anschließend der Master an der Harvard Graduate School of Design. Zurück in Zürich arbeitete er bei Boltshauser Architekten – bis Anfang 2024 ein Wendepunkt folgte. Gemeinsam mit seinem langjährigen Studienfreund Rémi Jourdan übernahm Erik das Büro des Architekten und Baubiologen Peter Sulser. Damit entschied er sich bewusst gegen die Laufbahn im international agierenden Büro – und für lokale Verankerung, kleinere Maßstäbe und unternehmerische Verantwortung. Ein kühner Sprung ins Unbekannte.
Crashkurs in Geschäftsführung
Mit der Übernahme stiegen Erik und Rémi unmittelbar in laufende Aufträge, Baustellenbesuche, Bauherr*innengespräche und administrative Abläufe ein. Die Projekte – Fassadensanierungen, Balkonanbauten, Photovoltaik-Installationen – blieben überschaubar, sicherten aber erste Einnahmen und praktische Erfahrung.
Am „Haus Angst“, dem Umbau eines Mehrgenerationenhauses für Großmutter und Enkelin, zeigt sich bereits die Haltung beider Architekten. Über die haptischen Eigenschaften der eingesetzten Naturmaterialien vermittelten sie die gestalterischen und räumlichen Qualitäten des gesunden Bauens – etwa dort, wo eine weiche Wolldämmung den Innenraum beinahe kissenartig auskleidet. So wurden Holz, Stroh, Lehm und Schafwolle räumlich erfahrbar. Auch das Mock-up einer Gebäudeecke diente als Testaufbau und Ausstellungsobjekt – und verweist auf die empirische Arbeitsweise des Duos.
Wo das Modell an Grenzen stößt
Der vermeintlich sanfte Einstieg in die Selbstständigkeit erwies sich jedoch schnell als komplexer Aushandlungsprozess zwischen übernommener Praxis und eigener Positionierung. Das bisherige Geschäftsmodell, das auf Direktaufträgen basierte, ließ sich nicht nahtlos fortführen. Denn private Auftraggeber*innen bauen meist nur einmal, und ihr Vertrauen bindet sich an Personen, nicht an Büronamen.
Gerade im kleinmaßstäblichen Wohnungsbau fehlten wiederkehrende Bauherr*innen – eine strukturelle Schwierigkeit, an der viele Büroübergaben scheitern. Erik und Rémi erkannten früh, dass sie das Büro neu ausrichten müssen: eigene Kontakte aufbauen, Kooperationen eingehen und sich jenseits des übernommenen Namens positionieren.
Vier Gleise gleichzeitig
Man könnte meinen, die Geschäftsführung einer GmbH sei bereits eine Vollzeitaufgabe. Erik richtet seine Praxis dennoch bewusst „mehrgleisig“ aus – aus ökonomischem ebenso wie aus inhaltlichem Interesse. Denn, wie er im Gespräch betonte: „Geld verdienen und sich architektonisch ausleben, fällt selten zusammen.“
Als Visualisierungsspezialist arbeitet er mit anderen Architekturbüros zusammen und erweitert sein Netzwerk über direkte Mail-Anfragen. Zugleich nimmt er in wechselnden Teamkonstellationen an Wettbewerben teil – ein alternativer Akquiseweg, der gestalterische Freiräume eröffnet. Zusätzliche finanzielle Stabilität bietet seine Lehrtätigkeit am Chair of Behaviorology der ETH Zürich.
Unter Fichter+ bündelt er diese unterschiedlichen Tätigkeiten zu einem offenen Portfolio. Die Website versteht sich dabei weniger als klassisches Dienstleistungsangebot denn als Reflexionsraum: eine lose Sammlung von Projekten, Maßstäben und Interessen – vom Material bis zur Typologie.
Work in Progress
Zwei Jahre nach der Büroübernahme ist vieles noch im Wandel. Erik und Rémi planen eine Neuausrichtung unter neuem Namen. Als Berater für ökologisches Bauen versuchen sie, Sulsers inhaltliche Ansätze mit ihrer eigenen Expertise weiterzuentwickeln. Gerade darin sieht Erik den Reiz: „Ich finde es spannend, nicht genau zu wissen, was in sechs Monaten passiert.“ Sein Ansatz bleibt dynamisch – zwischen lokaler Verankerung und internationaler Perspektive, zwischen struktureller Notwendigkeit und gestalterischem Anspruch.