Jenseits von Lego: Die Ausstellung "Architekturbaukästen" als Entwurfsprojekt
Groß und Klein kennen es: Miniaturwelten mit Bausteinen kreieren. Eine Schau historischer Baukästen bot Studierenden die Gelegenheit, die Ausstellung aktiv und interaktiv mitzugestalten.
Mit einer Ausstellung über die bunte Welt der Bausteine lädt das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt (DAM) zum Spielen, Bauen und Entdecken ein. Konzept und Ausführung der Schau „Architekturbaukästen 1890–1990“ entstanden in enger Kooperation mit Studierenden des Masterstudiengangs IMIAD (International Master of Interior-Architectural Design) der HFT Stuttgart. Unter der Leitung von Prof. Andreas Kretzer und Prof. Philipp Reinfeld entwarfen sie neun Spielstationen und rekonstruierten bestehende Baukästen in minutiöser Modellarbeit. Ziel war es, ein Mitmach-Erlebnis zu gestalten, das die konstruktive Logik der Bausysteme greifbar macht.
Architektur im Kleinformat
Wer die Welt von Disney, Marvel oder Harry Potter spielerisch betreten will, kommt an Lego nicht vorbei. Die unverwüstlichen Plastikteile mit cleverer Verbindungstechnik lassen Spielzeugphantasien zu gebauter Realität werden. Doch bevor das dänische Unternehmen monopolartig Kinderzimmer und Wunschlisten eroberte, existierten Hunderte Alternativen auf dem Markt. Nicht, um Raumschiffe oder Fantasiefiguren, sondern um Gebäude- und Stadtminiaturen zu bauen. Zwischen 1880 und 1960 entstanden allein im deutschsprachigen Raum rund 1200 Bausteinsysteme, so Oliver Elser, Kurator der Ausstellung. Ein Bruchteil davon besitzt der Grafiker Claus Krieger. Seine Kollektion historischer Architektur-Modellbaukästen diente als Ausgangspunkt für die vielleicht unterhaltsamste Schau des Jahres.
Spielerisch ausbilden
„Eine Ausstellung über Baukästen mit vitrinengepanzerten Exponaten und einer ‘Bitte nicht berühren’-Atmosphäre, in der die wilde Spielfreude auf null gedimmt ist – was wäre das für eine verschenkte Chance!“, betonte Elser im Vorwort der (durchaus empfehlenswerten) Ausstellungspublikation. Um dies zu vermeiden, setzte das Museum auf die Zusammenarbeit mit Studierenden. Über Kopien ausgewählter Bausysteme sollten sie ein interaktives Spiel- und Bauerlebnis kreieren.
Im Wintersemester 2024/25 legten zwei Entwurfsprojekte die gestalterischen und kuratorischen Grundlagen. Die Studierenden arbeiteten in zwei Teams: Das „analoge Team“ wählte vereinzelte Modellbaukästen aus und interpretierte sie für die Ausstellung neu. Im Fokus standen Inszenierung, Material, Anfertigung und Verbindungssystem der Bauteile. Das „digitale Team“ entwickelte ein interaktives VR-Erlebnis. Materialstudien und die technische Umsetzung waren Bestandteil zweier Begleitseminare.
Gebaute Realitäten im Maßstab 3:1
Im Sommersemester 2025 rekonstruierte eine weitere Gruppe Studierender vier Baukästen – Akro, Batiss, Ingenius und Skyline. Anleitungen im IKEA-Stil sollten das Bauen an den Spielstationen erleichtern. Sie vergrößerten die Modelle auf das Dreifache, um sie für das Publikum handhabbarer zu machen. Dabei blieben sie den Materialien und Systemen größtenteils treu. Mit einer Ausnahme: die Kathedrale.
Bausteine machen mehr Spaß, wenn sie in großer Zahl vorhanden sind, um auch die komplexesten architektonischen Visionen abzubilden. Das Team der HFT ermöglichte diese Erfahrung: Besucher*innen können mit über 4000 Teilen des Schweizer Architecto-Stecksystems eine Kathedrale bauen – ein 3,2 Meter hohes und 2,5 Meter langes Highlight. Die Studierenden konfektionierten die Bauteile aus recyceltem Dämmfilz des Herstellers Impact Acoustic.
Lehre durch Modellbau
Es war nicht die erste Kooperation zwischen Prof. Kretzer und dem DAM. 2023 wurden ungewöhnliche Modellbautechniken, die er mit Studierenden ausführte, in der Ausstellung Protest/Architektur präsentiert. Auch dieses Mal übersetzte er den Auftrag in ein Bildungsformat, das Studierenden praxisnahe Erfahrung bietet und dabei Kindheitsträume wahr werden lässt.