Innere Logiken weiterbauen: AIV-Schinkel-Wettbewerb 2026 entschieden

Zwölf Visionen für Luckenwalde: Deutsche und internationale Teams setzten sich mit dem strukturellen Wandel einer Stadt zwischen industriellem Erbe, Landschaftsraum und neuen Produktionsformen auseinander.

Die Preisträger*innen des 171. AIV-Schinkel-Wettbewerbs stehen fest. Unter dem Titel „Luckenwalde – Stadt im Wandel neu denken“ lenkte der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (AIV) diesmal den Blick auf die brandenburgische Kreisstadt, die infolge von Deindustrialisierung und Strukturwandel nach neuen Narrativen sucht. Im Fokus: das innerstädtische Karree zwischen Bahnhof, ehemaliger Burg und Zentrum. Gesucht wurde ein Leitbild für ein Modellquartier, das produktive Stadt, gemeinschaftliches Leben und landschaftliche Potenziale zusammendenkt.

140 Beiträge wurden eingereicht, 12 Arbeiten prämiert – darunter zwei Schinkelpreise in den Fachsparten Architektur und Städtebau. Die nahezu verdoppelte Zahl an Einreichungen im Vergleich zum Vorjahr dürfte nicht zuletzt auf das Thema zurückzuführen sein: Die Transformation einer Stadt, die als Zeugnis der Moderne und Industrialisierung gilt und sich in unterschiedlichen Vertiefungsebenen bearbeiten lässt, sprach zahlreiche Teams an. Insgesamt vergab der AIV Preisgelder in Höhe von 28.000 Euro. Auch wenn die Summe etwas niedriger ausfiel als im Vorjahr, zählt der Schinkelpreis weiterhin zu den großzügigsten studentischen Wettbewerben.

Alle Preisträger*innen im Überblick

Fachsparte Architektur

  • Logic of Luckenwalde / Schinkel-Preis Architektur / Reisestipendium Italien der Hans-Joachim-Pysall-Stiftung
    Adrian Krieg, Emily Idelberger, Benjamin Hostermann (FH Potsdam)
  • (RE)-Source / 1. Diesing-Preis (Karl-Friedrich-Schinkel-Stiftung)
    Stephanie Doll, Felix Fernkorn
  • Vorhang auf für die Stadt / 2. Diesing-Preis (Karl-Friedrich-Schinkel-Stiftung) / Sonderpreis Denkmal und Handwerk (Restauratoren im Handwerk e.V.)
    Kathrin Ehrlich (RPTU Kaiserslautern)
  • Markt im Wandel / 3. Diesing-Preis (Karl-Friedrich-Schinkel-Stiftung)
    Louis Gagneur, Jonas Genzler, Marco Buchert (RPTU Kaiserslautern)
  • Stadtgerüst Luckenwalde / Sonderpreis Innovation (Verband Privater Bauherren e.V.)
    Christoph Zachert, Niklas Winkler (TU Wien)

Fachsparte Städtebau

  • DAZWISCHENstadt / Schinkel-Preis Städtebau
    Till Pulst, Emil Kuenzer, Jorik Niclas Flohr, Jesse Puhan-Schulz
     (Bauhaus-Universität Weimar)
  • The Gentle City / Sonderpreis Interdisziplinär und nachhaltig Bauen (eZeit Ingenieure GmbH)
    Dikshya Pokharel, Zhasmin Roumieh, Mareike Sophie Steffen (Bauhaus-Universität Weimar)
  • Werk:Karree / Sonderpreis Soziale Stadtentwicklung (Stern-Stiftung Soziale Stadtentwicklung)
    Viktor Kalinov, Caterina Ricci, Natalia Lvova (TU Berlin)
  • Stadtplanspiel / Sonderpreis des Landes Brandenburg (Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung Brandenburg)
    Caio Schopp, Sophia Reifenstuhl, Sophie Krieg (HTWG Konstanz)

Fachsparte Landschaftsarchitektur

  • LuckenWandel / Schinkel-Anerkennungspreis Landschaftsarchitektur
    Alma Höing, Jenny Diethelm, Mattia Cadei (OST – Ostschweizer Fachhochschule, Rapperswil)
  • Die Stadt der Schornsteine / Sonderpreis Besondere Pflanzenverwendung (Lenné-Akademie für Gartenbau und Gartenkultur e.V.)
    Joana Schargan, Lilli Wolf, Lars Durm (TU Berlin), Sonja Walzik (Leibniz Universität Hannover)

Fachsparte Freie Kunst 

  • Ode an Luckenkien / 2 Sonderpreise Freie Kunst (gestiftet von der Hans- und Charlotte-Krull-Stiftung sowie der Stiftung Berliner Leben)
    Julia Treichel (TU München)

In den Fachsparten Konstruktiver Ingenieurbau sowie Mobilität und Verkehrsplanung wurden keine Preise vergeben.

Architektur: „Logic of Luckenwalde“

Der Schinkelpreis Architektur ging an Adrian Krieg, Emily Idelberger und Benjamin Hostermann von der FH Potsdam. Ihre Arbeit entwickelte sechs ortsspezifische „Logiken“ aus Industrie, Gemeinschaft, Landschaft und Partizipation und verknüpfte sie zu einem resilienten Gesamtsystem. Die Jury würdigte insbesondere „hohe Qualität der Auseinandersetzung mit dem stadträumlichen Kontext“.

Am ehemaligen Beschlägewerk zeigten die Verfasser*innen exemplarisch, wie sich industrielle Bestände in gemeinschaftliche urbane Knotenpunkte transformieren lassen. Eine ehemalige Supermarkthalle wurde zur „Allmendehalle“, Erdgeschosse öffneten sich, darüber entstanden unterschiedliche Wohnformen. Auch der Nachhaltigkeitsansatz überzeugte: Bestehende Materialien wurden wiederverwendet, ein Low-Tech-Klimakonzept setzte auf Regenwassermanagement, Lehmdecken und Querlüftung. 

Städtebau: „DAZWISCHENstadt“

In der Fachsparte Städtebau gewann das Team Till Pulst, Emil Kuenzer, Jorik Niclas Flohr und Jesse Puhan-Schulz von der Bauhaus-Universität Weimar. Ihr Beitrag formulierte räumlich präzise Konzepte für die „Produktive Stadt“ und „Zirkuläre Stadt“ mit einer plausiblen, prozessorientierten Umsetzungsstrategie – so die Jury.

Aktivierte Bestände, ein erweiterter Nuthegrünzug und neue gemeinschaftliche Hofstrukturen ergaben ein robustes Transformationskonzept. Diagramme und Lagepläne machten die Umsetzungsphasen nachvollziehbar. Die Arbeit zeigte laut Jury ein fundiertes Verständnis für Identität, Dichte und Mischungspotenziale der ehemaligen Industriestadt. 

Interdisziplinär gedacht

Mit dem diesjährigen Thema rückt der traditionsreiche Nachwuchswettbewerb einmal mehr die Frage in den Mittelpunkt, wie sich kleinere Städte zwischen industriellem Erbe und klimabewusster Zukunft neu erfinden können – nicht durch radikale Setzungen von außen, sondern indem sie ihre eigenen inneren Logiken weiterentwickeln. Studentische Interventionen im ehemaligen Kraftwerk bestätigen, dass Luckenwalde längst als Experimentierfeld für neue Allianzen aus Bestand, Kunst und Produktion gilt. Die aktuellen Wettbewerbsbeiträge setzen die Untersuchung auf städtebaulicher Maßstabsebene fort. Auffällig sei die hohe Zahl interdisziplinärer Beiträge gewesen, die etwa mit Fachgebieten Pflegewissenschaften, Holzingenieurwesen oder Textil- und Materialdesign kooperierten, so der AIV.

Die prämierten Arbeiten werden ab dem 13. März 2026 in Luckenwalde ausgestellt; am selben Abend findet das traditionelle Schinkel-Fest im Stadttheater – diesmal nicht an der UdK Berlin – statt.