Heilige Hülle, neue Nutzung: Das Studio "Matthäus Vision"
Wie lässt sich eine Kirche in die Gegenwart überführen, ohne ihren räumlich imposanten Charakter zu verlieren? Studierende am KIT haben sich dieser Frage angenommen – zwischen denkmalpflegerischer Verantwortung, kreislaufgerechter Bauweise und sozialer Wirksamkeit.
Die Transformation historischer Sakralbauten gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Im Studio „Matthäus Vision“, betreut von Fanny Kaiser Hirt und Han Jun Yi an der Professur Nachhaltiges Bauen (Prof. Dirk E. Hebel), entwickelten Studierende Konzepte für die Umnutzung der Matthäuskirche in Karlsruhe. Ziel war, den 1926/27 errichtete Holz-Leichtbau von Hermann Alker – heute denkmalgeschützt – in ein Zentrum für seelische Gesundheit des diakonischen Werks zu verwandeln. Dabei galt es, eine Balance zwischen räumlicher Identität, sozialer Funktionalität, Nachhaltigkeit und baukultureller Verantwortung zu finden.
Sakrales Erbe
Die Matthäuskirche wurde in der Karlsruher Südweststadt als sogenannte Notkirche gebaut, deren Konstruktion auf industriellen Bauweisen basiert: ein verschaltes Holzbindersystem, gefaltete Deckenflächen und hohe Spitzbogenfenster prägen den offenen, lichtdurchfluteten Saal. Die angrenzenden Gemeinderäume bilden mit dem Kirchenschiff eine funktionale Einheit, die sich seit fast einem Jahrhundert als robust, transformierbar und ressourcenschonend erwiesen hat. Vor dem Hintergrund schrumpfender Kirchengemeinden und wachsender Leerstände wurde der Bestand zum exemplarischen Ausgangspunkt für die Frage: Wie können Kirchen als Kulturerbe, dritte Orte und klimatische Ressource in die Stadtgesellschaft eingebunden bleiben? Ein Symposium zu Beginn des Semesters vermittelte dabei historische, konservatorische und städtebauliche Perspektiven auf die Karlsruher Kirchenlandschaft.
Zwischen Kreuz, Klima und Konstruktion
Die Studierenden sollten einen Umbau entwerfen, der den räumlichen Qualitäten des Bestands gerecht wird und gleichzeitig die Anforderungen des diakonischen Werks erfüllt: Beratungsräume, Gruppenbereiche, flexible Arbeitsplätze, ein Café sowie die Möglichkeit temporärer sakraler Nutzung. Im Zentrum standen kreislaufgerechte Bauweisen, reversible Konstruktionen und ein sensibler Umgang mit dem Denkmal. Leitend war die Frage, wie neue Schichten, Materialien und Funktionen mit minimalem Eingriff ergänzt werden können, ohne die ursprüngliche architektonische Logik zu überlagern. Der Arbeitsprozess war dialogisch angelegt: regelmäßige Diskussionen mit Lehrenden, Expert*innen und Kommiliton*innen förderten eine Entwurfshaltung, die Bestandserhalt, Wiederverwendung vorhandener Materialien und nachhaltigen Ressourceneinsatz verbindet.
Box und Bühne am Altar
Die entstandenen Projekte zeigen, wie sich Alkers räumliches Erbe zeitgenössisch interpretieren lässt. Ein Entwurf schlägt eine Reihe modularer Holzelemente vor, die als eingestellte Boxen neue Beratungs- und Gruppenräume schaffen, ohne die räumliche Großform des Kirchensaals zu beeinträchtigen. Ein anderer Ansatz nutzt bewegliche Raummodule auf wiederverwendeten Schienen, die zwischen Beratung, Theater, Werkstatt oder Café wechseln können und so den Kirchenraum in unterschiedlichen Intensitäten bespielen. Weitere Konzepte formulieren eine räumliche Mitte: einen kontemplativen Kern, der sich als ruhige, intime Zone einordnet, während textile Schichten flexible Atmosphären erzeugen. Auch der Außenraum – bisher Zwischenfläche – wird teils zu einem offenen Nachbarschaftsraum weiterentwickelt, der das Quartier mit dem neuen Zentrum verknüpft.
Gemeinsam skizzieren die Entwürfe eine Zukunft, in der Kirchenbauten als wandelbare, sozial wirksame und ressourcenschonende Räume weitergedacht werden – ein Ausblick, der zeigt, welches Potenzial in der sorgfältigen Transformation historischer und insbesondere sensibler sakraler Strukturen liegt.