Hobelbank trifft Architektur: NOIBAU zwischen Handwerk und Entwurf

Kann kollektives Arbeiten das Bauwesen verändern? NOIBAU verbindet Architektur, Handwerk und soziale Verantwortung in einer gemeinsamen Praxis – und zeigt, wie Planung und Ausführung wieder zusammenfinden können.

Fortschreitende Spezialisierungen und eine oft undurchsichtige Vergabepraxis führen zu einer zunehmenden Trennung von Planung und Ausführung. Das Berliner Kollektiv NOIBAU stellt diese starre Hierarchie infrage. Seine Organisationsstruktur folgt dem Anspruch, den es auch nach außen vertritt: Das Team vereint unterschiedliche Hintergründe und Kompetenzen in einer gemeinsamen Praxis. Heute arbeitet die achtköpfige Gruppe als GmbH.

#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Haltungen von Architekturbüros, die sich innerhalb der letzten fünf Jahre gegründet haben – oder noch mitten im Gründungsprozess stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Von Indien nach Tempelhof

Die Keimzelle des Kollektivs liegt in einem DesignBuild-Projekt der Technischen Universität Berlin in Indien. 2018 bauten die Gründer Daniel Krause, Paul Walter und Jakob Husemann dort gemeinsam eine Schule. Die Erfahrung der unmittelbaren Umsetzung prägte ihre berufliche Vision. Nach abgeschlossener Tischlerlehre begaben sich beide Freunde auf die Suche nach Werkstattflächen. Später stießen Toni Kunau, Alina Wilkending und Camilla Preuss zur Gruppe. Diese personelle Erweiterung markierte den Übergang von der Tischlerei zum Architekturkollektiv. Gemeinsam suchten sie nach einer geeigneten Rechtsform für ihre Ideale und schließlich nach einem Namen. Heute gehören auch Jonathan Piorr, Maximilian Meier und Max van der Hoek zum operativen Team von NOIBAU – „noi“, italienisch für „wir“. Als gemeinsame Basis nutzt das Kollektiv einen Gewerbehof in Berlin-Tempelhof.

Konsequente Gleichberechtigung

Die Motivation der Gruppe liegt in der Auflösung der Schnittstelle zwischen Planung und Bau. NOIBAU bietet beide Leistungen aus einer Hand an. Ihr methodischer Ansatz basiert auf flachen Hierarchien: Eine Arbeitsstunde hat für alle Mitglieder denselben Wert. Ob Geschäftsführung, Entwurf oder Werkstattreinigung – die Entlohnung bleibt identisch. Dieser egalitäre Ansatz erfordert einen ständigen Wissensaustausch. Studierte Architekt*innen arbeiten an der Werkbank, gelernte Tischler*innen bedienen CAD-Programme. Dieses Prinzip verhindert starre Rollenbilder und fördert gegenseitiges Verständnis.

Maßstabssprung und Materialität

Das Portfolio des Kollektivs reicht vom Möbel bis zur Ausstellung. Neben großmaßstäblichen Visionen wie dem Ausstellungsprojekt „35 Jahre Mauerfall“ liegt der Fokus auf der präzisen Arbeit im Bestand. Umbauten wie das „Haus Hiddensee“ oder die Gestaltung und Umsetzung der Dachsauna „Zech“ zeigen die Kompetenz im konstruktiven Holzbau. Das handwerkliche Fundament ermöglicht es NOIBAU, auch ausgearbeitete Elemente wie die „Küche Kavalier“ mit architektonischem Anspruch zu planen und selbst zu fertigen. Jedes Projekt wird als Prozess verstanden, in dem Entwurf und Ausführung eng miteinander verwoben bleiben. Die Nähe zum Material prägt dabei die architektonische Qualität – und bildet zugleich eine wirtschaftliche Grundlage: Durch ihre handwerkliche Tätigkeit kann das Team Flauten bei Architekturaufträgen abfedern.

Partizipation als gelebte Praxis

Die gesellschaftliche Relevanz der Arbeitsweise von NOIBAU zeigt sich in Berlin-Moabit. Gemeinsam mit Urbane Praxis e. V. arbeitete das Kollektiv dort mit dem Jugendverein Karame e. V. zusammen. Am Unionplatz entwickelten sie Räume für Jugendliche, die selbstbestimmte Aneignung und mehr Sichtbarkeit im Stadtraum fördern sollen. Ein Pavillon dient hier als soziale Plattform. Auf Wunsch der Jugendlichen belegten sie das Dach mit Teppichen. So entstand eine komfortable Fläche mit Aufenthaltsqualität statt einer harten Dachhaut. Partizipation zeigte sich weniger als Methode, sondern als konkreter Bestandteil des Entwurfs.

NOIBAU rückt soziale Verantwortung und Handwerk in den Fokus und liefert eine konkrete Antwort auf die Krise des Bauwesens. Die Resilienz des Kollektivs speist sich vor allem daraus, unabhängig von großen Investoren zu agieren. Tiefes Verständnis von Planung und sorgfältige Hingabe in der Umsetzung machen eine qualitätvolle Arbeit aus.