Ausgetankt! Die Großtankstelle als Entwurfsaufgabe

Was passiert mit der Tankstelle, wenn die fossilen Treibstoffe verschwinden? Studierende der Universität Kassel und der TH Köln untersuchten die Großtankstelle als bedrohte urbane Typologie und entwickelten Szenarien für ihre Transformation. Zu sehen sind die Ergebnisse in der Ausstellung Fifty Something Gasoline Stations in Frankfurt.

Tankstellen prägen seit Jahrzehnten das Stadtbild, nun verschwinden sie zunehmend daraus. In Frankfurt am Main zeigt sich dieser Wandel besonders deutlich: Hohe Bodenpreise, begrenzte Spätverkaufsmöglichkeiten und ein ambitionierter Mobilitätsplan setzen die klassische Tankstelle unter Druck. Genau dieser Wandel diente Prof. Sabine Tastel als Ausgangspunkt ihrer Forschung, die sie an der Uni Kassel im Rahmen des Projekts „Obsolete Stadt“ startete und an der TH Köln fortsetzt. Sie untersucht Tankstellen nicht nur als funktionale Infrastruktur, sondern als urbane Typologie mit sozialem und räumlichem Potenzial. Ihr Ziel: Das Verschwinden der Tankstellen sowohl zu dokumentieren, als auch Ansätze für deren Transformation zu erarbeiten.

Inventur an der Zapfsäule

Im Sommersemester 2024 begannen Studierende am Fachgebiet Städtebau der Universität Kassel die Untersuchung mit dem Seminar 55 Gasoline Stations. Die Aufgabe: eine vollständige Bestandsaufnahme aller Tankstellen in Frankfurt am Main. Studierende dokumentierten über 50 Anlagen mit Fotoprotokollen, isometrischen Zeichnungen, Infografiken und Kartenmaterial. Dabei setzten sie die Standorte in Beziehung zu Nutzungstypen, Öffnungszeiten, Konzernstrukturen und Grundstückspreisen. Historische Recherchen ergänzten die Analyse. 

Eine zentrale Erkenntnis: Trotz hoher Flächennachfrage wurde bislang nur eine einzige Tankstelle im Stadtgebiet überbaut. Einige Stationen erfüllen bereits neue Funktionen – sie fungieren etwa als nächtliche Nahversorger oder informelle Treffpunkte. Diese Nutzungsmuster bieten Potenzial für eine mögliche Transformation.

Die Ausstellung Fifty Something Gasoline Stations

Im darauffolgenden Wintersemester entstand aus dem Seminar die Wanderausstellung Fifty Something Gasoline Stations. Die Ausstellung war zunächst in Kassel und ist nun vom 11. Juni bis 21. August 2025 beim BDA Hessen in Frankfurt zu sehen. Sie dokumentiert alle Tankstellen im Stadtgebiet, die seit 2020 geschlossen wurden oder noch in Betrieb sind. Von ursprünglich 58 Standorten sind im Jahr 2024 nur noch 53 übrig. 

Neue Räume in alten Hüllen

Im Sommersemester 2025 überführte Tastel das Thema an die TH Köln. Unter dem Titel Neue Räume in alten Hüllen – Die Transformation einer Großstadttankstelle entwickelten Bachelorstudierende in ihren Abschlussarbeiten Nachnutzungsszenarien für zwei reale Frankfurter Tankstellen. Die Aufgabenstellung verzichtete bewusst auf die Abrissoption. Stattdessen sollten aus den bestehenden Gebäuden neue Programme entstehen – verankert im jeweiligen Quartierskontext. Die Entwürfe reichten von hybriden Kulturorten bis zu verdichtetem Wohnen. Im Zentrum stand stets die Frage: Wie lässt sich ein Ort, der jahrzehntelang für fossile Mobilität stand, in einen Raum für urbane Zukunft transformieren?

Greta Gaßner entwickelte die Tankstelle an der Siemensstraße zum nachbarschaftlichen Treffpunkt, an dem Energie getankt und Aktivität im Quartier entfaltet wird. Adriana Kunze hingegen entwarf eine nächtliche Club- und Barbühne. Durch das gezielte „Aufsprengen“ der Fassade entstanden neue räumliche Bezüge, während integrierte Lichtkegel die ehemalige Infrastruktur in eine atmosphärische Szenerie verwandeln.

HALT.ZUSAMMEN von Philipp Schmitz verfolgte einen städtebaulichen Ansatz: Durch gezielte Nachverdichtung entstanden an der Tankstelle an der Siemensstraße Zonen mit unterschiedlichen Nutzungen – Bewegung, Gemeinschaft, Teilhabe. Der Bestand wurde nicht ersetzt, sondern weitergebaut – als kollektiver Ort im Wandel.