Stadt ohne Leerlauf: Das interdisziplinäre Projekt „Obsolete Stadt“

Das im 2020 gestartete Forschungsprojekt beabsichtigt, potenzielle Obsoleszenzflächen frühzeitig zu identifizieren und Strategien für die rechtzeitige Intervention zu formulieren, um dadurch einen nachhaltigen städtischen Transformationsprozess möglich zu machen.

Hochschulübergreifend

sr | 01.12.2022

obsolet: unzeitgemäß; veraltet; überflüssig; nicht mehr gebräuchlich

Urbane Agglomerationen unterliegen dem ständigen Wandel. Durch diesen ununterbrochenen Transformationsprozess werden konkrete Nutzungen unzeitgemäß, Strukturen veralten, Typologien überflüssig und Flächen plötzlich nicht mehr gebräuchlich – zusammengefasst: Es entstehen obsolete (urbane) Räume. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Obsolete Stadt“ hat sich vorgenommen, zukünftig ungebrauchte Flächen zu identifizieren und Maßnahmen zur rechtzeitigen Intervention zu formulieren. Unterstützt von der Robert Bosch Stiftung arbeiten Forschende des Fachgebiets Städtebau der Universität Kassel, des Kompetenzzentrums für Social Urban Design der Hochschule Niederrhein und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung GmbH – UFZ zusammen mit weiteren Projektpartner*innen an nachhaltigen Transformationsszenarien für wachsende Städte in Deutschland. Geleitet von Prof. Stephan Rettich verfolgt das dreijährige Projekt nachhaltige Ansätze, um überschüssige Flächenressourcen in Entwicklungstreiber für Städte und Gemeinden zu verwandeln.

 

Das Potenzial disruptiver Phänomene

Langanhaltende und grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen – sogenannte Megatrends – beeinflussen maßgeblich den urbanen Raumkonsum. Digitalisierung, Mobilitätswende oder Religionswandel sind Prozesse, die sich aktuell besonders stark auf die Gesellschaft auswirken. Diese disruptiven Trends schlagen sich auf die Nutzung von urbanen Typologien nieder. Was wird aus den räumlichen und programmatischen Angeboten, die überflüssig werden und keinen sinnvollen Beitrag im urbanen System mehr leisten? Um Leerlauf zu vermeiden, muss alles, was sich überholt, wieder eingeholt werden – Obsolet gewordene Flächen bieten Raum für Neues und dadurch Chancen für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Das Neue ist aber nicht unmittelbar erkenn- und umsetzbar. Frühzeitig erkannte Obsoleszenzen werden zu planbaren Ressourcen einer Stadt, mit denen man hinsichtlich einer klimagerechten und gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung Transformationsprozesse einführen oder beschleunigen kann. Das Forschungsprojekt nimmt sich vor, mögliche Obsoleszenzen zeitnah zu identifizieren und lösungsorientierte Maßnahmen zu formulieren.

Eine Methode in vier Schritten

Methodologisch wurde die Forschung in vier aufeinander aufbauende Phasen, in sogenannte Bausteine, durchdekliniert. Der Analyseteil setzte die theoretischen Grundlagen. Die Forschenden und Expert*innen haben die Auswirkung der drei Megatrends – Mobilitäts- und Religiositätswandel sowie die Digitalisierung von Handel und Arbeit – auf den gebauten Raum formuliert und evaluiert. Basierend auf dem akkumulierten Systemwissen nahm sich die interdisziplinäre Forschungsgruppe im zweiten Baustein vor, die Fallbeispiele in den erforschten Städten Hamburg und Hannover zu inventarisieren. Dafür kartierten die Forschenden räumliche und ökonomische Aspekte, die Obsoleszenzrisiken erkennbar machten. Die ersten zwei Schritte spielten sich auf einer theoretischen Ebene ab – der Übergang in die Praxis geschah ab dem dritten Baustein, in dem der Transformationsprozess eingeleitet wurde. Das Team arbeitete mit ausgewählten Fallstudien – konkret wurde die Forschung am Hamburger Stadtteil Stellingen – und entwickelte zusammen mit Stakeholdern Entwicklungsszenarien. Anhand eines Planspiels, das gemeinsam mit lokalen Akteur*innen durchgeführt wurde, konnten die Teilnehmenden die Besonderheiten des ausgewählten Areals erfassen und in ein Leitbild übersetzen.

Potenziale zukünftiger Obsoleszenzen in Hamburg

Am Beispiel der Stadt Hamburg hat das Forschungsteam die potenziell obsolet werdenden Flächen identifiziert, und die Erkenntnisse waren signifikant. Der Wandel hin zur geteilten und nicht motorisierten Mobilität bewirkt einen voraussichtlichen Rückgang zwischen 10 % und 29 % der Parkhäuser und der Parkplatzflächen bis 2030. Dadurch wäre der prognostizierte Flächengewinn immens: Mindestens 73 ha Parkplatzfläche und 16 Parkhäuser könnten in ein paar Jahren verfügbar sein. Gleichwohl wird im selben Zeitraum tendenziell die Anzahl der Tankstellen um 33 % sinken. Besonders auffällig ist die rückläufige Entwicklung der Friedhofsflächennutzung. Laut der Prognose erwartet man bis 2030 in Hamburg einen Überhang von 450 ha, also 50 % der aktuellen Friedhofsfläche. Der in den 1970er Jahren auf 5 m2 pro Person eingeschätzte Bedarf an Friedhofsfläche hat sich inzwischen, unter anderem wegen der Zunahme der Urnenbestattungen, halbiert. Diese unbebauten Flächen im urbanen Gefüge bieten eine unglaubliche Ressource für die Stadt. Allein der Hamburger Friedhof Ohlsdorf – einer der größten Parkfriedhöfe weltweit – könnte bis 2050 ein Areal von rund 250 ha verfügbar stellen. Diese Analyse, die auf wissenschaftlichen Studien und qualifizierten Prognosen fußt und sämtliche Typologien umfasst, erlaubt es, die Größenordnung der Obsoleszenz im Jahr 2030 einzuschätzen.

 

Ein Toolkit für nachhaltige Stadtentwicklung

Die Entwicklungstendenz, die anhand des Fallbeispiels Hamburg nachweisbar wurde, ist symptomatisch für viele Städte und Kommunen Deutschlands. Um die unterschiedlich großen und in der Stadt dispers verteilten Flächen sinnvoll zu verwalten, zielt das Forschungsprojekt auf das Erstellen eines Handbuchs als Handlungsinstrument für Stadtakteur*innen ab. Mit dieser Hilfestellung – einem Toolkit für nachhaltige, klimagerechte und gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung – können sie zukünftig Transformationsprozesse identifizieren, planen und einleiten.