Alle unterm Dach: Sommercamp Valvara für benachteiligte Kinder
In Siebenbürgen, Rumänien, entsteht ein Ferienort für Rom*nja-Kinder. Entwurf und Umsetzung erfolgen praxisnah im Rahmen eines studentischen Projekts.
„Feriendorf in Rumänien“ lautete die Entwurfsaufgabe, der sich eine Gruppe Masterstudierender im Sommersemester 2025 an der HFT Stuttgart widmete. Das Projekt war allerdings keine Einladung in ein Freizeitresort, sondern ein realer Auftrag mit sozialem Tiefgang und Bildungsanspruch. In der Nähe von Târgu Mureș soll in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen eine Ferienstätte für romani Kinder und Jugendliche entstehen. Prof. Sophie Reiner und Prof. Margit Sichrovsky initiierten das studentische Projekt, das sie über mehrere Semester hinweg vom Konzept bis zur Umsetzung begleiten möchten.
Eine Kindheit ohne Stigma
Rom*nja gehören neben den Ungar*innen zu den größten Minderheiten in Rumänien. Wie anderorts erleben sie auch dort Ausgrenzung – besonders in Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung. Der Christliche Hilfsdienst Bad Hersfeld e. V. (CHD), der seit 40 Jahren benachteiligte Gesellschaftsgruppen in Deutschland sowie Osteuropa unterstützt, erwarb ein 16.850 Quadratmeter großes Grundstück nahe Târgu Mureș – einem Gebiet am hügeligen Fuße der Karpaten mit hoher Rom*nja-Bevölkerungsdichte. Hier plant er gemeinsam mit der gemeinnützigen Organisation Art Helps, dem Architekturbüro SESA aus Stuttgart und der Architekturfakultät der HFT ein Feriendorf für bis zu 80 Kinder. An dieser neuralgischen Stelle soll das Camp „Valvara“ einen identitätsstiftenden Bildungs- und Rückzugsort schaffen.
Kulturschock oder kultureller Austausch?
Eine gesunde Portion Neugier und Respekt sind immer gefragt, wenn man an einem fremden Ort interveniert. Die Studierenden starteten mit intensiven Recherchen, um die Lebensrealität und Kultur der künftigen Nutzer*innen zu verstehen. Erst als der Kontext vertrauter wurde, begann das Entwerfen. Sie analysierten das Raumprogramm und setzten auf Low-Tech-Lösungen mit lokalen Ressourcen. Außerdem galt es, die soziale Verantwortung des Projekts gestalterisch abzubilden.
Es entstanden sieben Entwürfe mit großer typologischer Bandbreite. Anhand eines detaillierten Kriterienkatalogs und des Feedbacks der Sozialarbeiter*innen vor Ort wählten Reiner und Sichrovsky das Projekt „Square: Alle unter einem Dach“ von Johannes Daum, Samuel Hauck und Lilly König zur Weiterentwicklung aus.
Community zwischen Quadrat und Kreis
Klare Geometrien und eine markante architektonische Geste: Im Entwurf „Square“ überspannt ein großes quadratisches Dach das gesamte Raumprogramm. Darunter ordnen sich orthogonal zueinander vier eingeschossige Volumina: drei private Riegel mit Schlafräumen und ein öffentlicher Baukörper mit Speisesaal, Multifunktionsraum und Werkstatt. Die Zwischenräume orientieren sich zur großzügigen Mitte, unter der kreisförmigen Dachöffnung entsteht ein gemeinschaftsbildender Platz, während die Außenanlagen für Sport, Spiel und Gartenarbeit das Lernangebot erweitern.
Das Dreierteam konzipierte das überdimensionale Dach für die Ressourcennutzung: Es ermöglicht effizientes Regenwassermanagement und solare Energiegewinnung. Ein durchdachtes Kühlungskonzept lässt selbst in den heißen Monaten ein angenehmes Raumklima vermuten. Der Entwurf sieht eine schrittweise Realisierung der Baukörper vor, größtenteils im Selbstbau. Johannes, Samuel und Lilly setzten zudem auf regionale, kreislauffähige Materialien: Holz, Lehm und Strohballen für den Wand- und Bodenaufbau.
Reality Check: Es wird gebaut
2026 soll der Bau von Valvara auf Grundlage des studentischen Projekts „Square: Alle unter einem Dach“ starten. Für die weitere Planung und Umsetzung richteten Reiner und Sichrovsky im Wintersemester 2025/26 das „Reality-Check – Baubüro Valvara“ ein. Aktuell arbeiten Studierende und Fachplaner*innen an der Vertiefung des Entwurfs, der Tragwerksplanung, Bauphysik, Gebäudetechnik, Kosten- und Terminplanung sowie am Fundraising. Sogar Inneneinrichtung und Möbelentwurf gehören zum Projekt. Die Studierenden profitieren von der praxisnahen Erfahrung und vom interdisziplinären Austausch.
Valvara könnte ein Vorzeigebeispiel für Low-Tech-Entwicklung werden – und ein Ort, der Lebensbiografien nachhaltig prägt. Ob eine Einrichtung für eine stigmatisierte Minderheit langfristig zu ihrer gesellschaftlichen Inklusion und Selbstverwirklichung führt, wird das Bildungsprogramm zeigen.