Position beziehen: Lesestoff über die nächste Generation der Architektur
Sie gründen Büros, hinterfragen Ausbildungsstrukturen und definieren Leistung neu: Nachwuchsarchitekt*innen. Drei Publikationen, die sich unterschiedlich mit dem Ankommen in der Disziplin beschäftigen, stellen wir euch in diesem #BookChat vor.
Wer sind die Architekt*innen, die die Disziplin in den kommenden Jahren prägen werden – und was brauchen sie dafür? Die Antwort darauf ist vielschichtig. Nachwuchs in der Architektur definiert sich eher durch Haltung als durch Alter. Gemeint sind neue Formen der Zusammenarbeit, veränderte Lehrmodelle oder Akteur*innen, die bislang nur eingeschränkt Zugang zur Disziplin hatten.
Zwei Hefte und ein Buch zeigen eine kleine Bandbreite dessen auf, wofür der Architekturnachwuchs heute steht: vom reflektierten Blick auf Arbeitsrealitäten und Berufsbilder über die Positionierung neu gegründeter Büros bis hin zu den Strukturen, die den Zugang zum Beruf überhaupt erst ermöglichen.
BAU MEISTERN
Die März-Ausgabe 2026 der Zeitschrift Baumeister (diesmal als Verb: Baumeistern) trägt den Titel „Junge Architekt*innen“ und widmet sich einer Generation, für die Architektur kein individuelles Autor*innenprojekt mehr ist. Schon das Cover listet die Mitwirkenden auf. Auf den folgenden Seiten berichten sie von ihren vielfältigen Arbeitsrealitäten und davon, was Architektur alles ist und sein kann. Chefredakteur Tobias Hager beschreibt im Editorial eine Haltung, die von Ernsthaftigkeit geprägt ist, ohne in Pathos zu verfallen: Klimakrise, Ressourcenverbrauch und soziale Verwerfungen sind präsent, aber sie scheinen nicht zu lähmen, sondern zu schärfen. Leistung wird als Prozess verstanden, als ständiges Justieren zwischen Anspruch und Realität.
Besonders spannend ist die Bandbreite der Perspektiven, die sich in Interviews, Essays und Gesprächen zeigt. Einige Beispiele: Zerina Džubur reflektiert ihre Arbeit in der Kulturvermittlung und fragt, wer eigentlich als Architekturschaffende*r zählt. Alexander Stumm spricht über seinen Weg zwischen Architekturgeschichte, Journalismus und Lehre – und darüber, wie Theorie zur Gestaltung der aktuellen Umbruchphase beitragen kann. Weitere Beiträge widmen sich der Geschichtsschreibung von Architekt*innen, den politischen Rahmenbedingungen des Bauens und kollaborativen Arbeitsformen. So entsteht das Bild einer Generation, die Verantwortung übernimmt, ohne sich moralisch zu erhöhen.
NEW YOSTAR (architektur.aktuell)
Was passiert, wenn man neu gegründeten Architekturbüros drei einfache Fragen stellt? Das Sonderheft NEW YOSTAR der architektur.aktuell macht genau das: Per Open Call wurden Büros aus der österreichischen und slowenischen Steiermark eingeladen, ihre Inspirationsquellen, Referenzen und die eigene Arbeitsweise offenzulegen. Ein Kuratorium empfahl 35 Büros zur Publikation. Bereits 2018 hatte die Initiative YOSTAR – Young Styrian Architecture – mit einer Wanderausstellung eine Momentaufnahme dieser Szene geliefert. 2026 folgt nun das Update als Magazin.
Dabei hinterfragt das Heft bewusst, was „Nachwuchs“ eigentlich meint: eine Phase, in der Büros ihre ersten Projekte realisieren und Positionen entwickeln – offen, aber nicht beliebig. Im Fokus stehen Haltungen unter realen Bedingungen, eingebettet in Transformationsprozesse rund um Bestandserhalt, Ressourcenschonung und eine veränderte Architekturproduktion. Essays, Interviews, Projektvorstellungen und internationale Stimmen erweitern den regionalen Kontext und machen das Heft zu einem Stimmungsbild, das weit über die Steiermark hinausweisen kann.
JUNIOR ARCHITECTS
Während die beiden vorherigen Publikationen auf Praxis und Positionierung blicken, fragt „Junior Architects“ danach, wie Nachwuchs überhaupt entsteht. Der von Suzanne Lettieri und Anya Sirota herausgegebene Band untersucht die Architektur- und Designausbildung in den USA und richtet den Fokus auf Zugang, Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit.
Anhand historischer Analysen, kritischer Theorie und 25 Fallstudien zeigt das Buch, wie Eliteuniversitäten, strikte Zulassungssysteme und ressourcenintensiver Unterricht darüber bestimmen, wer die gebaute Umwelt gestaltet. Besonders aufschlussreich sind die Beiträge zu Historically Black Colleges and Universities sowie zu alternativen Programmen, die Architekturausbildung neu definieren und diskriminierungsfrei zugänglich machen wollen. Das Buch versteht Ausbildung als grundlegende Frage der Disziplin selbst – und ist eine Einladung, Architektur von einem elitären Beruf zu einer gemeinsamen Sprache für das Zusammenleben zu machen.
Nachwuchs suchen – und finden?
Bei der Recherche zu diesem #BookChat ist uns aufgefallen: Eigenständige Buchpublikationen, die sich explizit dem Thema Nachwuchs und dessen Haltungen in der Architektur widmen, sind erstaunlich dünn gesät. Stattdessen finden sich Publikationen zu Lehrmethoden, vor allem aber Zeitschriftenausgaben und kuratierte Formate – etwa die Reihe JAS Junge Architektur Schweiz von werk, bauen + wohnen oder die jährliche Shortlist der BauNetz Woche, die Büros mit Mut zur Haltung vorstellt. Auch auf BauNetz CAMPUS porträtieren wir in unserer Reihe #StudioUnderConstruction regelmäßig Büros in der Gründungsphase. Es sind also eher Features, Porträtreihen und aktuelle Momentaufnahmen, die die Bandbreite der Szene abbilden – weniger das gebundene Buch. Warum das so ist, wäre eine eigene Frage wert. Vielleicht liegt es daran, dass sich Haltungen im Werden schwer zwischen zwei Buchdeckel pressen lassen. Vielleicht aber auch daran, dass es mehr davon bräuchte.