Zwischen Nostalgie und Vision: Konzepte für ein „Haus der Architektur“ in Stuttgart

Die Entwurfsaufgabe schlechthin, zudem in prominenter Lage: Für ihre Bachelorarbeit beschäftigten sich Studierende mit der Gestaltung eines Architekturmuseums rund um das Vermächtnis von Roland Ostertag.  

An der prestigevollen Stuttgarter Kulturmeile soll ein Haus der Architektur entstehen. Über diese Aufgabe spekulierten Architekturstudent*innen mehrerer Standorte der IU Internationalen Hochschule (IU). Fernstudierende sowie Dualstudierende aus Berlin, Hamburg, München und Stuttgart präsentierten anschließend ihre Konzepte einer Fachjury, die die besten Arbeiten prämierte. 

Stuttgart – Woher – Wohin?

Von 2001 bis 2018 betreute der Architekt und Professor Roland Ostertag in einem privaten Raum die Ausstellung „Stuttgart – Woher – Wohin?“ zur Entwicklung der Stadt und deren Zukunftsfragen – ein improvisiertes Architekturmuseum auf knapp 30 Quadratmetern. Das Herzstück der Ausstellung bildete ein 5,25 × 5,25 Meter großes Stadtmodell im Maßstab 1:1.000. Mit Ostertags Ableben verschwand auch dieser besondere Ort des Austauschs, die Ausstellungsstücke wurden zwischengelagert.

Dieser Missstand bot Gelegenheit für eine realitätsnahe Aufgabe: Für ihr Abschlussprojekt entwarfen die Bachelorstudierenden auf einem realen Bauplatz ein „Haus der Architektur“, das den Charakter von Ostertags Ausstellung zwischen häuslich und repräsentativ weiter interpretierte.

Kultur in hoher Konzentration

Staatsgalerie, Theater, Bibliothek, Hochschule – in der zentrumsnahen Konrad-Adenauer-Straße reihen sich die renommierten Kulturstätten Stuttgarts aneinander. Gleich dahinter: ein längliches Grundstück mit heiklen Geländesprüngen, an der Grenze zu einem Wohnviertel. Auf diesem Bauplatz sollten die Student*innen ihren architektonischen Beitrag leisten – baulich und inhaltlich. Das neue Ensemble soll Ausstellungs- und Verwaltungsräume, Werkstätten sowie eine Wohnung integrieren. Die Jury vergab drei Preise sowie eine Anerkennung.

Vier Ansätze für ein neues Haus der Architektur

Justin Guevarra vom IU Campus Hamburg erhielt den ersten Preis. Sein Entwurf konzentriert die Baumasse an der Stirnseite des Grundstücks. Mit klarer Geometrie verhandelt der Baukörper zwischen zwei unterschiedlichen urbanen Situationen und schafft einen öffentlichen Vorplatz sowie eine zum Wohnviertel gerichtete Terrasse. Ein quadratisches Raster durchzieht die Fassade des dreigeschossigen Gebäudes und des verlängerten Sockels. Die städtebauliche Setzung, die Raumstruktur mit dem Stadtmodell als Hauptexponat und die atmosphärische Ausarbeitung überzeugten die Jury.

Den zweiten Preis erhielt Marco Mota Benitez. Sein Entwurf: ein hochgestelltes Volumen, das über einem fluide wirkenden Erdgeschoss schwebt. Die begrünte Parkfläche des Skulpturengartens zieht sich unter das Gebäude, wo – Überraschung! - ein Basketballfeld das öffentliche Programm ergänzt. Der Entwurf kann polarisieren: Eine Reverenz an Mies van der Rohe, gemischt mit formalen Einflüssen von Zaha Hadid? Auch die Jury betonte die „gekonnt ironische Auseinandersetzung mit den ehemaligen Architekturikonen“.

Jonas Eckardts Split-Level-Ansatz erhielt den dritten Preis. Das Gebäude bündelt verschiedene Bewegungsströme in das Ensemble. Die Eleganz des Schnitts und die geschickte Gestaltung der Raumabfolgen gehören zu den Stärken des Entwurfs. 

Während die drei preisgekrönten Projekte kompakte Baukörper vorsahen, ging die Anerkennung an einen Entwurf mit einem grundlegend anderen Ansatz. Jan Silas Jansen hebt mit der Pavillonstruktur den parkartigen Charakter des Bauplatzes hervor und richtet sich in der Körnung an die benachbarte Wohnbebauung. Bemerkenswert: Der zweite und dritte Preis sowie die Anerkennung gingen an Studierende des IU Campus Stuttgart. 

Architektur dual?

Die IU ist eine der wenigen Einrichtungen in Deutschland, die Architektur im Dual- oder sogar Fernstudium anbietet – ein umstrittenes Modell, das die Bundesarchitektenkammer erst im Wintersemester 2024/25 mit Ausnahmen akkreditierte. Die IU punktet mit zahlreichen, geografisch verteilten Standorten und unmittelbarer Nähe zur Praxis.