Wie viel Turm verträgt Lehm? Bachelor-Thesis zur Tragfähigkeit von Lehm

An den Grenzen des traditionellen Baustoffs: Im Auftrag eines Ziegelherstellers testeten Studierende in ihrer Bachelorarbeit die Möglichkeiten von Turmbauten mit Lehmsteinen.

Ein Turm aus ungebranntem Lehm klingt zunächst widersprüchlich: hoch, schwer – und doch aus einem Material, das man eher mit traditionellen, bodennahen Bauweisen verbindet. Genau dieses Spannungsfeld nutzte die Bachelor-Thesis „Lehmsteinturm“ am Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren der Technischen Universität München (TUM) aus. Unter der Leitung von Prof. Florian Nagler entwickelten die Studierenden im Sommersemester 2025 ein Ausstellungs- und Lagergebäude aus ungebranntem Lehmstein und testeten das Material dort, wo seine Grenzen besonders deutlich werden: im Turm. Statisch, konstruktiv und typologisch wurde Lehm auf seine Belastbarkeit geprüft. Dabei ermöglichte der Ziegelhersteller Leipfinger Bader, der als Bauherr fungierte, den Studierenden direkten Zugang zu Material, Produktion und Know-how. Das Ergebnis sind1:1-Detailmodelle, die Entwurfsentscheidungen direkt überprüfbar machten.

Lehm, Stein, Turm

Mit der Einführung der DIN 18940 im Juni 2023 wurde Lehmstein erstmals als tragendes Baumaterial zugelassen. Damit eröffneten sich neue Möglichkeiten, den Baustoff im architektonischen Maßstab zu nutzen. Auf dieser Grundlage sollten die Studierenden gezielt die Chancen und Grenzen von Lehm im Bau erkunden.

Ihre Entwürfe verbanden drei zentrale Fragen: Wie verhält sich Lehm als Baustoff? Wie lässt sich Stein als genormtes Bauelement einsetzen? Und wie funktioniert der Turm als Typus? Die Aufgabe bestand darin, ein bis zu 14 Meter hohes Turmbauwerk aus Lehmsteinen für das Werksgelände der Firma Leipfinger-Bader in Pfeffenhausen zu entwerfen. Dabei sollte der Turm als Ausstellungsgebäude dienen, einen Versammlungsraum für rund 40 Personen und eine Lagerflächenüberdachung integrieren. Gleichzeitig galt es, das Erscheinungsbild des Geländes und seiner Freiräume in den Entwurf einzubeziehen und die bestehende Werksarchitektur gestalterisch zu ergänzen.

Kickoff auf dem Werksgelände

Den Auftakt bildete eine Werksbesichtigung: Die Studierenden verfolgten die Produktionskette und besuchten den Forschungsbereich für Lehmbauprodukte. Anschließend arbeiteten Zweierteams zu Themen wie Materialeigenschaften, historischen Lehmbauten, konstruktiven Schutzstrategien und Bemessungsansätzen. Für den Modellbau lieferte die Firma zuvor ausgewählte, vollständig biogene Materialien wie Lehm, Stroh, Sand und Holzfasern an die Universität. Im ersten Schritt entstand ein Umgebungsmodell im Maßstab 1:200. Darauf aufbauend entwickelten die 13 Teams ihre Entwürfe in 1:20-Modellen weiter – begleitet vom Lehrstuhlteam und den Tragwerksplaner*innen von Merz Kley Partner

Praxisprüfung in Originalgröße

Zum Abschluss des Semesters verlagerte sich der Entwurfsprozess in den Maßstab 1:1. Bei einem dreitägigen Workshop in der DesignFactory der TUM realisierten die Studierenden ihre Schlüsseldetails als Mockups unter realen Werkstattbedingungen. Mit Lehmsteinen, Mörteln und Putzen von Leipfinger Bader sowie ergänzenden Holz- und Stahlbauteilen erprobten sie Wandaufbauten, Fugen, Anschlüsse und Feuchteschutz. Die Mock-ups dienten als direkte Rückkopplung zwischen Entwurf und Materialrealität. Für die Studierenden war das ein unmittelbares Erlebnis: Theorie und Planung verschmolzen mit handwerklicher Praxis und konstruktiven Herausforderungen – Erfahrungen, die das architektonische Denken nachhaltig prägen und noch lange nach dem Semester wirken.