Wenn Lautsprecher politisch werden: Debatte um die Akustik des Völkerbundpalastes
Völkerverständigung, wörtlich genommen: Kaum ein Projekt der Moderne löste eine derart vehemente Debatte über Akustik aus wie der Wettbewerb von 1927 für den Völkerbundpalast in Genf.
Internationale Sicherheit und Weltfrieden waren die proklamierten Ziele, als 1919 in Paris das Völkerbundstatut unterzeichnet wurde. Die Wahl für einen Ort für den Hauptsitz des Völkerbunds fiel auf Genf. 1926 wurde ein größeres Gelände mit Seesicht und Uferanschluss zum Genfersee gewählt, und die Jury verabschiedete das definitive Wettbewerbsprogramm für einen „Palast“ mit einem großen Versammlungssaal für annähernd 2700 Völkerbund-Vertreter*innen und Besucher*innen – ein riesiger Saal also, der zugleich repräsentativ, aber auch in akustischen Belangen funktional sein musste. Diese Verbindung war nicht einfach einzugehen und stand in der Folge zentral in den Debatten zu diesem wohl umstrittensten Wettbewerb der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Diplomatische Verständigung bildete die Grundlage des politischen Programms des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Völkerbundes. Akustische Verständigung war hierfür technische wie bauliche Voraussetzung. Jedoch unterschätzte bereits die Wettbewerbsausschreibung das Problem der Saalakustik. Auch wenn die Architekturgeschichte bisher kaum darauf eingegangen ist: An kaum einem anderen Projekt der modernen Architekturgeschichte wurde die Frage der Akustik mit einer solchen Vehemenz debattiert wie beim Wettbewerb für den Völkerbundpalast. Mit dem Argument, dass zu viel Größe die akustische Funktion der Architektur behindere, verknüpften prominente Vertreter der Moderne Zweckmäßigkeit und Akustik so miteinander, dass sie interessanterweise den Einsatz von Lautsprechern für unmöglich erklären mussten.
Der Saal als „einziges Hörrohr“
Am prominentesten tat dies Sigfried Giedion, der so weit ging, den Versammlungssaal 1927 in einem Zeitungsartikel „Schweizer Erfolge am Wettkampf um das Völkerbundgebäude“ als „einziges Hörrohr“ zu bezeichnen. Und schon zwei Monate davor, noch während der Wettbewerbsphase, schrieb er, beim Wettbewerb für den Völkerbundpalast gehe es vor allem darum, „einen Saal – dies ist der Kernpunkt des Projekts – für zweitausend Menschen zu errichten, einen Saal der ganz Ohr zu sein hat, damit keine Welle verloren geht.“ Und auch später, als die Radio- und Lautsprechertechnik schon zum integralen Teil jeder Privatwohnung geworden war, verschwand Giedions Skepsis gegenüber der elektroakustischen Schallübertragung nicht.
Bis zum 27. Januar 1927 hatten 377 Architektenteams die verlangten 18 Plantafeln, den Baubeschrieb in französischer Sprache und den Kostenvoranschlag zur Jurierung eingereicht. Nach sechs Wochen und einem wahren Beratungsmarathon veröffentlichte das Gremium am 5. Mai 1927 seinen Abschlussbericht: Keines der eingegebenen Projekte konnte zur Ausführung empfohlen werden. Stattdessen wurden 27 Preise verteilt.
Die Bekanntgabe der Wettbewerbsresultate sorgte in den Fachzeitschriften wie in den Tageszeitungen für Entrüstung über die Unfähigkeit der Jury. Dem Völkerbund wurde von Architektenseite hochgradige Planungsinkompetenz bescheinigt. Allerdings fokussierte sich die bisherige Geschichtsschreibung auf Stilfragen. Die Gebrauchstauglichkeit des geplanten Plenarsaals hing aber nicht nur von seinem repräsentativen Charakter, sondern auch von der Verständlichkeit der gehaltenen Reden ab.
Sprachverständlichkeit, diplomatisch und akustisch
Die Völkerverständigung war nicht nur eine diplomatische, sondern auch eine bauliche Aufgabe. Verschiedenste Experten gaben Ratschläge, die insbesondere hinsichtlich der Akustik kaum unterschiedlicher hätten sein können. Die Schwierigkeit, im Versammlungssaal mit den vorhandenen akustischen Möglichkeiten eine angemessene Sprachverständlichkeit zu erreichen, machte die Akustik 1927 zu einem schlagenden Argument im Streit um die Frage, welcher der zahlreichen Wettbewerbsteilnehmer ein den Anforderungen gerecht werdendes Gebäude für den Völkerbund entworfen habe.
Die Unmöglichkeit einer Saalakustik mit Lautsprechertechnik wurde mitunter wissenschaftlich begründet, insbesondere bezüglich des wohl meistdiskutierten Entwurfs im großen Architekturstreit zwischen den „Anciens“ und den „Modernes“, nämlich Le Corbusiers und Pierre Jeannerets Wettbewerbsbeitrag Nr. 273. Dieses Projekt versprach, die Frage der Akustik des Versammlungssaals mit den Mitteln der Architektur zu lösen.
Le Corbusier war zwar einer der neun Preisträger im ersten Rang, aber nicht unter den fünf Ausgewählten für die Weiterbearbeitung des Bauprojekts. Also kämpfte er mit allen Mitteln um die Möglichkeit einer Realisierung seiner Idee – mit Zeitungsartikeln, Unterschriftensammlungen und mit Fachbeiträgen prominenter Unterstützer wie Sigfried Giedion.
In Le Corbusiers Worten sollte der neue Saal „eine Kehle, ein Trommelfell und ein Gefäß aus Licht“ („un gosier, un tympan, une boîte de lumière“) werden, so notiert auf der vierzehnten Tafel der Wettbewerbseingabe. Der Bau wird verglichen mit dem menschlichen Körper, das Auditorium mit einem Töne erzeugenden Kehlkopf und zugleich mit dem menschlichen Hörorgan: Die Architektur ist ein Schallkörper, sprechend und hörend. Auch nach außen kommuniziert sie: An der Frontfassade richten sich skulpturale Aufbauten – eine Art metaphorische Lautsprecherboxen – über den Genfersee. Kein Geringerer als der Turmbau zu Babel diente Le Corbusier als Analogie zur anspruchsvollen Akustik im Plenarsaal.
Die technisch-wissenschaftliche Plausibilisierung zu Le Corbusiers wortstarken Metaphern lieferte Franz Max Osswald, der an der ETH Zürich akustische Studien betrieb, im Juli 1927 in der Schweizerischen Bauzeitung. Unter dem Titel „Zum Problem der Akustik im grossen Versammlungs-Saal des Völkerbund-Gebäudes in Genf“ lieferte er auf acht Seiten eine umfangreiche Kritik der Wettbewerbsbeiträge, illustriert mit eigenen, anlässlich seines Besuchs der Genfer Ausstellung der Wettbewerbsbeiträge angefertigten Skizzen.
Geometrie statt Lautsprecher
Gemäß Osswald habe „die übergrosse Mehrzahl der 377 Wettbewerber der Lösung der akustischen Frage unsicher, ja hilflos“ gegenübergestanden. Der Akustikexperte bemängelte in der Hauptsache die Raumgrößen, und zwar ungeachtet dessen, ob die Projektverfasser Lautsprecher vorgesehen hatten oder nicht. Zur Skizze eines „Parabel-Dom[s]“, mit dem er sich möglicherweise auf Hannes Meyers und Hans Wittwers Projekt bezog, hieß es beispielsweise in der Bildunterschrift: „Wenn die Saalabmessungen nur ⅓ des Projektes wären, so wäre diese Parabel-Form diskutierbar.“ Noch stärker als auf die geometrische Form zielte Osswalds Kritik auf die Probleme des Maßstabs, was er später in seinem neu eingerichteten Laboratorium an der ETH Zürich mittels Schlierentechnik entwickelter Schallfotografien untersuchte.
Die Frage der Authentizität der Lautsprecherübertragung stellte sich bald darauf in den 1930er Jahren in einer heute kaum mehr nachvollziehbaren Ernsthaftigkeit, als der nationalsozialistische Machtapparat Radiogeräte in Privatwohnungen und Lautsprecher bei öffentlichen Veranstaltungen gezielt und erfolgreich zur Verbreitung seiner Ideen einsetzte. Ein in diesem Zusammenhang überlieferter Kommentar von Adolf Hitler, den auch Jacques Attali seinen Bruits voranstellte, lautet: „Ohne den Kraftwagen, ohne das Flugzeug und ohne den Lautsprecher hätten wir Deutschland nicht erobert!“ In Anbetracht dieser Krise der Aura betraf die Lautsprecherfrage nicht nur die Technik, sondern auch die Politik und die Ethik.