Wenn Architektur schwitzt: Das Entwurfsstudio Civic Servants II
Hitze in der Stadt? Drei kleine Bauwerke an der RWTH Aachen zeigen, wie Architektur ohne Klimaanlage kühlt – und dabei Schatten und Gemeinschaft schenkt.
Auf dem Hof des Humboldt-Hauses an der RWTH Aachen errichteten Studierende im Sommersemester 2025 die „Transpiranten“ – klimaaktive Stadtmöbel, die ihre Umgebung durch Verdunstung kühlen. Entstanden sind die Objekte im Bachelorstudio „Civic Servants II – Climate Chronicles“ unter der Leitung von Prof. Anne-Julchen Bernhardt. Der Titel der gebauten Entwürfe verweist auf das Prinzip der Verdunstung: Wasser, das in porösen Materialien gespeichert wird, verdunstet langsam und senkt so die Temperatur im direkten Umfeld – ein einfacher, aber wirkungsvoller Beitrag zur Klimaanpassung im öffentlichen Raum.
Bedeutsame Belanglosigkeiten
Kaum jemand nimmt sie bewusst wahr, und doch bilden sie das Rückgrat des öffentlichen Lebens: Geländer, Sitzsteine, Gullydeckel oder Bäume. Sie sind die stillen „Civic Servants“ – jene kleinen Dinge, die das gemeinsame Bewohnen des Stadtraums überhaupt erst ermöglichen. Im Rahmen des Projekts erforschten die Studierenden genau diese Elemente, dokumentierten, maßen und analysierten sie, um zu verstehen, wie sie das urbane Leben prägen. Inspiriert von Vittorio Magnago Lampugnanis Konzept der „bedeutsamen Belanglosigkeiten“ – alltägliche Dinge, die Städte lesbar und bewohnbar machen – kartierten die Studierenden zunächst unscheinbare Infrastrukturen in Aachen und hinterfragten, wie sie unser Verhalten und das lokale Klima beeinflussen.
Erste Experimente: Pflanzenprototypen
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen bauten die Studierenden 1:1-Prototypen, die sich mit Pflanzenwachstum, CO₂-Bindung und Bewässerungssystemen beschäftigten. Jede Gruppe wählte eine schnellwachsende Pflanzenart als Ausgangspunkt – z.B. Bambus oder Hopfen – und entwickelte daraus ein ideales, mobiles Habitat, das auf minimale Mittel und maximale Wirkung setzte. Die Prototypen wurden schließlich auch auf der Jahresausstellung der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen präsentiert.
Vom Modell zum Transpirant
Im nächsten Schritt erkundeten die Studierenden die RWTH-Campi und wählten fünf Orte für klimaaktive Interventionen aus, die sie in 1:50-Modellen testeten. Einzelentwürfe wurden anschließend in wechselnden Gruppen überarbeitet, auf ihre Umsetzbarkeit geprüft und zu finalen Konzepten verdichtet – mit Unterstützung vom Baukollektiv Belwerk und den Lehrenden.
Aus diesen Entwürfen entstanden die Transpiranten: drei kleine, klimaaktive Bauwerke im Hof zwischen Humboldt-Haus und Theresienkirche. Unter dem alten Kastanienbaum erschließt eine hölzerne Plattform die bislang ungenutzte, verschattete und kühle Fläche. Im sonnigen, oberen Hofbereich entstanden zwei weitere Objekte: Sitzmöbel aus porösen Porotonziegeln, die Regenwasser speichern und durch Verdunstung kühlen. Alle drei Objekte sind zudem durch Holz, Netz und Ziegel gestalterisch miteinander verbunden. Auch ihre Konstruktion bleibt bewusst reversibel: robust genug, um im Alltag zu bestehen, flexibel genug, um bei Bedarf wieder abgebaut zu werden. Im Hof wirken die Stadtmöbel wie stille Mitbewohner: Sie spenden Schatten, kühlen die Luft, filtern Regen und verbinden den Raum zwischen den Menschen – kleine helfende Objekte, die zeigen, wie fürsorgliche Architektur den Alltag bereichern kann.
Und die Forschung geht weiter
Im kommenden Wintersemester startet „Civic Servants III“ mit Fokus auf die Europastraße E40 – Alltag, Raststätten, historische Routen und die Straße als gebaute Architektur. Wieder sollen viele Modelle, Prototypen und spekulative Szenarien entstehen. Wir sind gespannt, welche neuen Gehilfen diesmal das Licht der Stadt erblicken.