Vom Systemhaus zur Sanierungsagenda: Die Forschungsansätze von VELUX

Das dänische Unternehmen VELUX ist längst mehr als ein Hersteller von Dachfenstern. Nach dem prototypischen Projekt Living Places setzt es mit Re:Living wiederholt Maßstäbe – diesmal jenseits des Neubaus.

Wie lässt sich bezahlbarer Wohnraum schaffen, ohne ökologische Einbußen hinzunehmen? Dieser Frage widmete sich die dänische VELUX Gruppe gemeinsam mit Effekt Architects und Artelia Engineers bereits 2021. Im Rahmen der unternehmenseigenen Initiative „Build for Life“ entstand ein Projekt, das theoretische Forschung und gebaute Praxis eng verbindet: Living Places – eine experimentelle Wohnumgebung, deren CO₂-Fußabdruck rund dreimal niedriger und deren Raumklima etwa dreimal besser ist als bei einem durchschnittlichen dänischen Einfamilienhaus. Die ersten Prototypen wurden 2023 fertiggestellt und anlässlich Kopenhagens Auszeichnung zur Welthauptstadt der Architektur präsentiert. Seither dienen sie als Reallabor für weiterführende Forschungs- und Entwicklungsprojekte des interdisziplinären Teams.

Fünf Prinzipien – ein Ziel

Das Konzept fußt auf fünf Prinzipien, die unsere gebaute Umwelt neu denken: So sollen die modularen Gebäude gesund für Mensch und Umwelt sein, einfach konstruiert, anpassungsfähig, skalierbar und gemeinschaftlich nutzbar. Dieser Ansatz lässt sich auf einzelne Gebäude und städtebauliche Projekte übertragen und soll Neu- als auch Umbauten kosteneffizient ermöglichen. Erste Umsetzungen fanden bereits statt. In der Ukraine entstehen in Zusammenarbeit mit SOS-Kinderdorf International mehrere Pflege- und Familienhäuser. Nach dem kürzlich erfolgten Spatenstich befindet sich das Projekt nun in der Ausführungsphase und überträgt die Prinzipien von Living Places auf ein soziales Bauvorhaben unter schwierigen Rahmenbedingungen.

Von Living Places zu Re:Living

So ambitioniert Living Places auch ist, bleibt das Projekt zunächst ein Experiment, das alternative Wege des Bauens aufzeigt. Doch die aktuelle Marktlage wirft eine weitere Frage auf: Was passiert, wenn der Neubau nicht mehr im Mittelpunkt steht? In Europa wird die Sanierung zunehmend Thema. Laut Analysen der Europäischen Kommission gelten bis 2050 rund 146 Millionen Gebäude als sanierungsbedürftig. Damit erweitert sich auch das Forschungsinteresse von VELUX. Unter dem Titel Re:Living arbeitet das Unternehmen an einem Rahmenwerk, das Sanierung ganzheitlich betrachtet – mit dem Ziel, sowohl ökologischen Anforderungen als auch den Bedürfnissen der Bewohner*innen gerecht zu werden.

Sanierung statt Neubau

Re:Living knüpft an die Erkenntnisse aus Living Places an: Wie lassen sich die im Neubau entwickelten Prinzipien auf Sanierungen übertragen? Antworten liefert VELUX anhand konkreter Fallstudien. In Frankreich wird derzeit ein typisches Einfamilienhaus gemeinsam mit den Bewohner*innen, lokalen Architekt*innen und Ingenieur*innen saniert. Untersucht werden praktische Maßnahmen wie Fenstertausch, natürliche Lüftung und Materialwahl. Messungen vor und nach der Sanierung sollen zeigen, wie wirksam die Eingriffe sind. 

Forschung als Grundlage

Re:Living setzt auf einen datenbasierten Ansatz. Den Ausgangspunkt bilden europäische CO₂-Budgets, die auf einzelne Gebäude heruntergebrochen werden. Ergänzend analysiert das Projekt die soziale Dimension von Sanierung: Wie treffen Planende Entscheidungen zur Instandsetzung, und welche Maßnahmen stoßen auf Akzeptanz? Re:Living betrachtet nicht nur Emissionen, sondern auch die Auswirkungen von Baumaterialien auf Ökosysteme – von der Rohstoffgewinnung bis zur Produktion. Sanierung soll damit nicht nur Schäden minimieren, sondern perspektivisch auch regenerative Effekte ermöglichen.

Enge Kooperation mit Hochschulen

Ein zentraler Bestandteil von Re:Living ist die Zusammenarbeit mit Hochschulen. Die Firma kooperiert unter anderem mit der Danmarks Tekniske Universitet (DTU), Aalborg UniversityTechnischen Universität München sowie mit der Harvard Graduate School of Design. Die Kooperationen umfassen Studien, Forschungsprojekte und industrielle Promotionsprogramme. Als Teil eines europaweiten Netzwerks versteht sich Re:Living jedoch nicht als fertige Lösung, sondern als offenes Lernsystem. Für Studierende und Hochschulen entsteht so ein Reallabor, das zeigt, wie eng Architektur, Ingenieurwesen und Forschung künftig zusammenarbeiten müssen, um den Gebäudebestand zukunftsfähig zu machen.