Void is not Empty: Objekte und Analysen zu Leeräumen der Stadt
Leere als Potenzial: Studierende der Academy of Architecture in Amsterdam erkundeten die räumlichen, politischen und ökologischen Dimensionen des weitläufig Unbebauten.
Im integrativen Studio-Seminar „Void is not Empty“ untersuchten Architekturstudierende, wie sogenannte urbane „Voids“ – scheinbar leere Räume – gelesen, analysiert und entworfen werden können. Das Lehrformat, geleitet von Jolene Lee und Minnari Lee, verband Entwurfsarbeit mit theoretischer Forschung. Den Ausgangspunkt bildete das Tempelhofer Feld in Berlin. Dieser außergewöhnliche städtische Freiraum ist ein politisches Symbol, eine ökologische Ressource und eine planerische Projektionsfläche zugleich. Im Verlauf des Semesters untersuchten die Studierenden urbane Leerräume weltweit, diskutierten deren gesellschaftliche Bedeutung und entwickelten eigene Projekte. Ziel war es, Leere nicht als Abwesenheit von Architektur zu verstehen, sondern als räumliche Qualität, die neue Entwurfsansätze ermöglicht.
Freiraum und Stadtpolitik
Das Studio-Seminar knüpfte an aktuelle stadtpolitische Debatten an. Zehn Jahre nach dem Berliner Volksentscheid gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes wird das Areal erneut im Kontext der Wohnungsfrage diskutiert. Jolene Lee ist Initiatorin der Initiative Architects4THF, einem internationalen Zusammenschluss von Architekt*innen, Landschaftsarchitekt*innen und Stadtforscher*innen, die sich für den Erhalt des Feldes als offenen Freiraum einsetzen.
Die Initiative versteht die Auseinandersetzung um das Tempelhofer Feld als Teil einer größeren Debatte über die Rolle der Architektur: Wer bestimmt, was als Erfolg architektonischer Praxis gilt, und welche Räume dadurch erhalten oder überbaut werden. Sie betont, dass solche Freiräume nicht nur planerische Flächenreserven sind, sondern Orte vielfältiger sozialer Nutzung und Aneignung. Architects4THF will die Debatte über die Fachwelt hinaus öffnen und Architektur als gesellschaftliches Werkzeug begreifen, das demokratische Teilhabe und ökologische Verantwortung in der Stadtplanung stärkt.
Das Studio-Seminar griff diese Themen auf, ohne sie aktivistisch zu führen. Es betrachtete das Feld als Untersuchungsfall: Wie entstehen urbane Leerstellen? Wann wird ein Raum überhaupt als „leer“ bezeichnet? Die Studierenden stellten fest, dass Leere häufig erst im Kontrast zur dichten Stadt sichtbar wird. Ohne umgebende Verdichtung gäbe es keinen „Void“, sondern lediglich Landschaft oder offene Fläche. Damit sollte Leere nicht als Defizit verstanden werden, sondern als relationales Phänomen – als Produkt urbaner Entwicklung, politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Analysieren, kartieren, übersetzen
Das Studio-Seminar gliederte sich in drei Phasen. Zunächst untersuchten die Studierenden das Konzept des „urban void“. Sie stellten fundamentale Fragen: Ist ein "Void" nur ein physischer Ort oder auch eine soziale Leerstelle? Kann der Himmel genauso als "Void" gelten, da er über Städten permanent präsent, aber selten als Raum wahrgenommen wird?
In der zweiten Phase identifizierten die Teilnehmenden städtische Leerstellen weltweit – von ungenutzten Grundstücken bis zu infrastrukturellen Zwischenräumen. Parallel dazu analysierten sie planerische Dokumente wie den Berliner Stadtentwicklungsplan „Wohnen 2040“, der alternative Flächenpotenziale für Wohnungsbau aufzeigt.
Die dritte Phase überführte diese Analysen in ein konkretes Entwurfsformat. Die Ergebnisse sollen in einer Wanderausstellung präsentiert werden (siehe Infobox). Jede Arbeit bestand aus zwei Teilen: einem Forschungsbooklet, das die Analyse dokumentierte, und einem physischen Objekt, das die Erkenntnisse räumlich übersetzte.
Objekte als räumliche Argumente
Ob in Essays, Skulpturen, Audioinstallationen oder Mappings: Die Projekte zeigten, wie vielfältig Leere interpretiert werden kann. Insgesamt entwickelten zehn Studierende eigenständige Positionen, die Forschung, Entwurf und künstlerische Darstellung verbanden.
„The Spree Maps“ untersuchte etwa die Berliner Spree als hydrologisches System. Kartografische Analysen interpretierten den Fluss als dynamischen Raum, dessen ökologische Zusammenhänge oft unsichtbar bleiben. Das begleitende Objekt übersetzte diese Karten in eine räumliche Darstellung der Wasserbewegungen und verdeutlichte, wie stark urbane Räume von natürlichen Systemen geprägt sind. Ein weiteres Projekt entwickelte ein ironisches Szenario für das Tempelhofer Feld: Es wurde in kleine Parzellen von wenigen Quadratmetern aufgeteilt und verkauft. Da jede Fläche zu klein für große Bauprojekte wäre, entstünde eine kollektive Eigentumsstruktur, die den Freiraum paradoxerweise schützt.
Andere Projekte setzten stärker auf spekulative oder narrative Strategien – auch jenseits des Wirkungsraums Berlins. Ein Entwurf schlug vor, Erinnerungen an abgerissene Gebäude in speziellen „Postboxen“ zu archivieren. Besucher*innen könnten dort Tonaufnahmen ehemaliger Bewohner*innen hören – ein Versuch, die sozialen Spuren eines Ortes zu bewahren, auch wenn seine physische Struktur verschwindet.
Gemein ist den Arbeiten, dass sie Architektur nicht primär als Bauaufgabe verstehen. Stattdessen fungieren Modelle, Installationen oder Karten als räumliche Argumente – als Mittel, komplexe urbane Zusammenhänge sichtbar zu machen.