Typologien des Tempelhofer Felds: Das Seminar Felder, Höfe, Tempel

Das Tempelhofer Feld steht wiederholt unter Druck. Ein interdisziplinäres Seminar liest den umkämpften Freiraum neu – zeichnerisch, typologisch und systemisch – und liefert Argumente für eine Transformation ohne Neubau.

An einem sonnigen Tag spontan grillen? Noch schnell eine Runde joggen oder einfach im Gras liegen? Kaum ein Ort in Berlin wird so intensiv genutzt wie das Tempelhofer Feld. Der größte Park der Hauptstadt ist ein einzigartiger Freiraum mitten im urbanen Trubel. Gleichzeitig wird darüber kontrovers diskutiert. In den letzten Jahren entfachte sich die Debatte um bauliche Eingriffe am Rand des Feldes erneut. Und damit die Frage: Wie soll es mit dem Tempelhofer Feld weitergehen?

Hier setzte das interdisziplinäre Forschungsseminar „Felder, Höfe, Tempel – Typologische Katalogisierung des Bestehenden“ im Sommersemester 2025 an. Studierende der Technischen Universität Berlin und der Bauhaus-Universität Weimar untersuchten gemeinsam mit der Initiative Architects 4 Tempelhofer Feld die vorhandenen Strukturen des Areals. Eine detaillierte, typologische Bestandsaufnahme sollte neue Argumente für künftige Entscheidungen liefern. Die Forschungskooperation will zukünftige Raumprogramme und ökologische Gestaltungsthesen definieren, die eine behutsame Transformation des historischen Baubestands ermöglichen. 

Das Feld unter Druck

Seit der Schließung des Flughafens 2008 gehört das Areal zu den umstrittensten Flächen Berlins. Mit über 300 Hektar zählt es zu den größten innerstädtischen Freiräumen weltweit und wurde 2010 als Park und Freizeitfläche geöffnet. Der Versuch des Berliner Senats, am Rand Wohnungsbau zu realisieren, scheiterte 2011 am Volksentscheid. Seitdem kämpfen Initiativen wie 100 % Tempelhofer Feld oder Architects 4 THF für den Erhalt des Parks. Doch seit 2023 rücken angesichts des Wohnraummangels in Berlin erneut konkrete Bebauungspläne in den Fokus. Daher bot das Seminar den Studierenden die Chance, sich mit fundierten Analysen in diese aufgeladene Debatte einzubringen und eigene Positionen zu entwickeln. 

Lesen durch Zeichnen

Zentrales Werkzeug des Seminars war das „forschende Zeichnen“ auf drei Maßstabsebenen: Tempel, Höfe und Felder. Die Studierenden untersuchten das Areal in mehreren Feldstudien. Fachliche Beiträge aus Klimatologie, Bodenkunde und Pflanzenökologie erweiterten den Blick über die Architektur hinaus. So konnten die Teilnehmenden die Wechselwirkungen zwischen Bauwerk, Vegetation und Mikroklima verstehen und präzise nachzeichnen.

Objekte mit Geschichte

Auf der ersten Ebene „Tempel“ betrachteten die Studierenden die rund 40 Bestandsgebäude als bauliche Artefakte. In einem systematischen „Building Survey“ dokumentierten sie deren Charakter, wie Materialität, Konstruktion und Zustand. Zeichnungen, Fotografien und digitale Modelle hielten diese Beobachtungen fest und machten die Eigenarten der Gebäude vergleichbar.

Wirkungsräume

Die zweite Ebene „Höfe“ lenkte den Blick vom Gebäude auf seinen Wirkungsraum. Die Teilnehmenden untersuchten soziale Nutzungen, ökologische Bezüge und technische Infrastrukturen. In ihren Relational Drawings“ zeigten sie, wie die Gebäude mit menschlichen Aktivitäten, Flora und Fauna oder klimatischen Faktoren interagieren.

Das Feld als System

Auf der dritten Maßstabsebene „Felder“ rückte das Tempelhofer Feld als zusammenhängendes Ganzes in den Blick – bis an seine Ränder und darüber hinaus. Die Studierenden analysierten die Netzwerke, die das Areal durchziehen, und machten sie mithilfe von Mappings sichtbar: Infrastrukturen, Bewegungsmuster, klimatische Effekte und historische Überlagerungen. Fragen zu Biodiversität und Klima erwiesen sich dabei als zentrale Themen. 

Transformation ohne Neubau

Das Seminar „Felder, Höfe, Tempel“ markiert den Beginn einer Transformation, die das Bestehende respektiert und neue Perspektiven eröffnet. Angesichts der Ankündigung des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner, die Berliner Bevölkerung möglicherweise 2026 wiederholt über eine Bebauung abstimmen zu lassen, gewinnt diese Auseinandersetzung an Relevanz. Die Berliner*innen haben aus dem Tempelhofer Feld einen Ort geschaffen, von dem Stadtplaner*innen träumen. Warum sollte das nicht so bleiben?