Unlearning Tools: Das Studio IN/APPROPRIATE TECHNOLOGY

Wenn nicht der Entwurf selbst, sondern die Bedingungen, unter denen er entsteht, in den Vordergrund rücken: Das experimentelle Gaststudio von TEN testet zwischen KI, Modellbau und radikalem Prototyping.

Was passiert, wenn ein Entwurfsstudio nicht auf ein Ergebnis hinarbeitet, sondern seine eigenen Werkzeuge zerlegt? Das Gaststudio In/Appropriate Technology, geleitet von TEN an der ETH Zürich im Frühjahrssemester 2025, verfolgte genau diesen Ansatz: ein Experiment, das Designmethoden offenlegt und neu zusammensetzt. 

Statt ein klassisches Architekturprojekt zu entwickeln, gestalteten die Studierenden über ein Semester hinweg eine Vielfalt an Formaten: KI-generierte Bilder und Filme, Code, visuelle Essays, physische Modellserien, großformatige Zeichnungen und eine kuratierte Ausstellung. Der Output blieb bewusst fragmentarisch und dokumentierte Prozesse statt Ergebnisse. Drei aufeinander aufbauende Design-Sprints strukturierten die Arbeit. Jeder startete mit einem klaren Briefing, einem Gast und einem engen Zeitfenster von 24 Stunden. Der Zeitdruck zwang zu schnellen Entscheidungen – und zeigte, wie sich Entwürfe über Umwege weiterentwickeln.

Digitale Spuren, unscharfe Bilder

Im ersten Teil arbeiteten die Studierenden mit generativer KI – begleitet von dem Image Maker und AI-Experten Olivier Campagne. Sie entwickelten Bildwelten, Videos und digitale Modelle, während sie die dahinterliegenden Mechanismen analysierten. Anstelle glatter Renderings suchten sie gezielt nach Brüchen. Die Bilder blieben fragmentarisch, zeigten digitale Spuren und Unfertiges. Einige trainierten Modelle mit spezifischen Datensätzen, etwa Standbildern aus Wong-Kar-Wai-Filmen und schufen daraus neue Sequenzen. Andere kombinierten Text-Prompts mit visuellen Outputs und testeten, wie sich Stimmungen steuern lassen. 

Material wird Widerstand

Im zweiten Abschnitt entfernten sich die Studierenden vom Bildschirm. Gemeinsam mit dem Galeristen und Art Producer Jan Eugster übersetzten sie ihre Ansätze in physische Modelle. Mit Karton, Holz und Gips bauten sie in kurzen Zyklen Modelle, veränderten sie und begannen neu. Jede Version prüfte eine räumliche Idee. Die Modelle zeigten, was trägt, was scheitert und wie sich Raum organisiert. Statt eines fertigen Objekts entstand eine Serie von Varianten. 

Ordnen, erzählen, sichtbar machen

Im dritten Block lag der Fokus auf Darstellung. Gemeinsam mit der Kuratorin Federica Zambeletti entwickelten die Studierenden eine Ausstellung. Sie suchten das „fehlende Glied“ in ihren bisherigen Arbeiten: Was braucht es noch, damit die Projekte lesbar werden? Statt neu zu entwerfen, ordneten sie ihr Material, kommentierten es und ergänzten gezielt. Eine großformatige Zeichnung diente als zentrales Werkzeug. Darauf aufbauend gestalteten sie ein szenografisches Konzept für die Ausstellung. Modelle, Bilder und Texte wurden so platziert, dass sie Geschichten erzählen.

Organisation und Technologie unter der Lupe

Parallel zum Entwurf forschten die Studierenden – kollektiv sowie individuell. Gemeinsam analysierten sie alternative Organisationsformen. Sie führten Interviews, etwa mit dem Londoner Kollektiv Assemble, dem Magazin Republik oder der Bergschaft Grindelwald. Sie zeichneten Entscheidungswege, Kommunikationsstrukturen und Machtverhältnisse nach. Dabei untersuchten sie, wie Vertrauen, Kontrolle und Verantwortung organisiert werden und wo diese Systeme an ihre Grenzen stoßen. 

Individuell nutzten die Studierenden konkrete Technologien mit der Aufgabe, diese gezielt unter Stress zu setzen. Dafür griffen sie in bestehende Systeme ein, oder testeten sie unter ungewöhnlichen Bedingungen. Linus Arnold verfolgte beispielsweise mithilfe von Browser-Cookies und ChatGPT, welche Akteur*innen am eigenen Surfverhalten mitverdienen – und machte so ein dichtes Netzwerk aus Datenflüssen sichtbar. Andere Projekte gingen ähnlich vor, indem sie Tools überlasteten, zweckentfremdeten oder gezielt manipulierten.

Mehr Haltung, weniger Tool

Das Studio dreht eine uns vertraute Logik um: Nicht das Projekt bildet das Zentrum, sondern die Bedingungen, unter denen es entsteht. Das bedeutet: Entwerfen beginnt früher. Es beginnt dort, wo wir entscheiden, mit welchen Werkzeugen wir arbeiten – und welche wir bewusst weglassen.