Form folgt Kontext: Die prozessbasierte Arbeit von TEN

Flexibel organisiert, forschungsgetrieben und kollaborativ: Ein Porträt eines Büros, das die eigene Arbeitsweise genauso konsequent hinterfragt wie die Gebäude, die es entwirft.

Kein klassisches Büro, keine Hierarchie, kein festes Team: so arbeitet TEN. Gegründet 2016 als gemeinnütziger Verein, entwickelte sich die Struktur drei Jahre später zu einer projektbasierten Plattform zwischen Zürich und Belgrad. Heute arbeiten rund 15 Personen in wechselnden Konstellationen an Themen wie bezahlbarem Wohnen, anpassungsfähigen Gebäudestrukturen und räumlichen Modellen von Gemeinschaft. Wer Teil des Teams ist, entscheidet sich im Prozess. TEN bringt Architekt*innen, Künstler*innen, Ingenieur*innen, NGOs und Hochschulen zusammen, produziert eigene Projekte und stellt zugleich eine Infrastruktur für kollaborative Arbeit bereit. Die Organisationsform folgt dabei konsequent den Projekten – nicht umgekehrt.

#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Zwischen Verein, Studio und AG

Drei rechtliche Einheiten bilden die Basis dieses offenen Modells: Ein Verein schafft Raum für Forschung und unkonventionelle Formate. Das Büro bündelt projektbasierte Zusammenarbeit. Eine Aktiengesellschaft übernimmt Bauprojekte und Haftung. Zusammen bilden sie die Infrastruktur, die das „Label“ trägt – und gleichzeitig flexibel hält.

Ein Haus für fünf Frauen

Ein Grundstück in Gradačac und die Frage, wie alleinstehende Frauen in Bosnien bezahlbar und würdevoll wohnen können – so beginnt das Projekt „Ein Haus für fünf Frauen“. TEN erarbeitet den Entwurf gemeinsam mit der Künstlerin Shirana Shahbazi, der NGO Naš Izvor, Ingenieure ohne Grenzen Schweiz und der Gemeinde. Die räumliche Organisation folgt einer klaren Setzung: Fünf private Zimmer gruppieren sich um gemeinschaftliche Wohn-, Arbeits- und Außenbereiche. So entsteht eine Struktur, die Rückzug und Nähe zugleich ermöglicht. In der Ausarbeitung bindet TEN das Projekt konsequent an lokale Bedingungen. Materialien, Fertigung und Umsetzung greifen auf vorhandene Ressourcen zurück. Die Fassadenpaneele entstehen in Zusammenarbeit mit Shirana Shahbazi, werden vor Ort produziert und von lokalen Autolackierer'innen beschichtet. TEN versteht das Haus als Grundstruktur, die von ihren Bewohner*innen aneignen lässt. Innen setzten die Bewohner*innen bereits nach der Fertigstellung eigene Akzente: Sie bringen Kelim-Teppiche mit, bemalen die Betontreppen, hängen Bilder auf. Nach langen Verzögerungen aufgrund der Pandemie, lokalen Abstimmungsprozesse und bürokratischen Hürden, ist das Gebäude seit rund eineinhalb Jahren bewohnt. Und verändert sich seitdem weiter. 

Architektur als politische Langzeitaufgabe

Was wäre, wenn ein Gebäude 500 Jahre bestehen soll? Mit dieser Frage verschiebt TEN im Wettbewerb für die Berner Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft den Maßstab architektonischer Verantwortung. Die Antwort von TEN ist konstruktiv: Gemeinsam mit dem Statiker Neven Kostić entwickelt das Studio dafür ein Hybridmodell aus Beton und vorgefertigten Holzelementen. Eine massive Betonstruktur bildet das dauerhafte Gerüst, darin austauschbare Einheiten aus leichteren Materialien. Einzelne Teile lassen sich erneuern, während die Struktur bestehen bleibt. Die Konstruktion ist dabei einfach gedacht: Wenn Wasser ferngehalten, die Bewehrung geschützt und die Außenhaut regelmäßig instand gehalten wird, lässt sich die Lebensdauer deutlich verlängern. Dass Gebäude mehrere Jahrhunderte überdauern, ist eigentlich kein Ausnahmefall – viele europäische Städte zeigen das. 

„Who's looking after a building for 500 years? It's definitely not going to be a corporation. So it has to be the city, or a cooperative – someone with a vision not based on market conditions.“ Studio TEN

Das Avala House: Ein Prototyp im Dialog

Das Avala House in Serbien zeigt hingegen eine andere Dimension: Architektur als Verhandlung mit dem Ort. Gemeinsam mit dem Bauherrn und Handwerker Zoran Spasojević entwickelte TEN das Haus in der Nähe von Belgrad. Verfügbarkeit, lokale Mittel und vorhandene Fähigkeiten, bestimmten den Entwurf. Konstruktion und Details entstanden schrittweise im Dialog. Das Ergebnis: Zwei Nutzräume aus Ortbeton tragen einen leichten Wohnbereich aus Stahl. Drei Terrassen verbinden die Ebenen und fassen einen offenen Innenhof. Durch große Fensterflächen öffnet sich der Innenraum zur Landschaft. Das Avala House funktioniert damit als Prototyp – entwickelt aus lokalem Wissen und einem Entwurfsprozess, der sich direkt aus dem Bauen heraus formt.

Arbeiten mit dem, was da ist

Öffentliche Aufmerksamkeit hat TEN vor allem durch selbst initiierte Konzeptprojekte gewonnen – weniger durch Wettbewerbe. Während gebaute Projekte Stabilität schaffen, bleiben konzeptionelle Arbeiten ein Feld für Tests und neue Formate. Ausgangspunkt ist das, was da ist: Materialien, Infrastruktur, handwerkliches Vorwissen oder soziale Konstellationen. Im Wettbewerb für ein Recyclingzentrum im Brüsseler Stadtteil Jette, den das Büro gemeinsam mit dem Büro Babini Geysen gewonnen hat, wird diese Methode zur konkreten Bauaufgabe. Der Entwurf „Nobody Leaves the Party“ überträgt das Prinzip des Weiterbauens in eine Infrastruktur: Bestehende Bauteile werden vor Ort gesichert, sortiert und direkt wieder eingesetzt. Das Gebäude selbst wird so Teil der zirkulären Prozesse. 

Das Projekt führt zusammen, was sich durch alle Arbeiten des Büros zu ziehen scheint: eine Praxis, die vom Vorgefundenen ausgeht und die das Entwerfen selbst immer neu verhandelt.