Praxis im Bestand als Residency: HOUSE-04 in Tokio
Mit HOUSE-04 zeigt Studio GROSS, wie sich leerstehende Häuser durch Präsenz, Pflege und minimale Eingriffe reaktivieren lassen, und schafft ein „Practice-in-Residence“-Angebot für Studierende.
Leerstehende Einfamilienhäuser prägen zunehmend das Bild japanischer Städte. Akiya nennt man diese Gebäude, die ihre Bewohner*innen verloren haben – durch Überalterung, Wegzug oder mangelnde Nachfrage. Oft bleiben sie sich selbst überlassen oder werden abgerissen. Studio GROSS, gegründet von Anne und Sebastian Groß, arbeitet in Tokio mit diesen Leerstellen. Statt Abriss oder Sanierung verfolgen sie eine andere Strategie: Sie bewohnen die Häuser temporär, halten sie instand und aktivieren sie durch Nutzung.
Mit HOUSE-04 wird diese Praxis erstmals geöffnet: Das leerstehende Haus dient als Plattform für ein „Practice-in-Residence“-Programm, das sich an Studierende sowie junge Architekt*innen und Designer*innen richtet. Vor Ort arbeiten sie am Haus selbst – sie reparieren, bauen um, ordnen neu und machen den Bestand Schritt für Schritt wieder nutzbar. Die einzige Vorgabe von Studio GROSS: Eingriffe sollen minimal und jederzeit reversibel bleiben.
Arbeiten im Bestand als kontinuierliche Praxis
Seit 2016 markieren die Projekte HOUSE-01, HOUSE-02 und HOUSE-03 einzelne Etappen dieser Arbeitsweise. In HOUSE-03 leben Anne und Sebastian heute selbst und erproben im Alltag, was temporäres Wohnen im Bestand konkret bedeutet. Als im April 2025 eine Nachbarin vorschlägt, ein weiteres leerstehendes Haus zu reaktivieren, eröffnet sich ein neuer Spielraum: HOUSE-04 wurde zur Plattform für ein „Practice-in-Residence“-Programm. Daraus entwickelte sich ein offenes Lehrformat, ohne festgelegtes Programm, das auf Eigeninitiative setzt: Studierende und junge Praktiker*innen arbeiten direkt am Haus und entwickeln ihre Projekte aus der Situation heraus. Studio GROSS gibt dabei bewusst keine Richtung vor. Die Einladung ist offen: arbeiten, ausprobieren, reagieren.
Bewohnen statt bauen
Warum ein Haus leer stehen lassen, wenn es sich nutzen lässt? Anne und Sebastian begannen mit dem Nötigsten: Sie sicherten die Struktur, installierten eine Toilette und ein einfaches Spülbecken. Mehr brauchte es nicht, um das Haus bewohnbar zu machen. Alles Weitere sollte sich im Gebrauch entwickeln.
Mit dem Einzug der ersten Bewohnerin, der Studentin Luna Bucherer, setzte die eigentliche Transformation ein. Sie erkundete das Haus im Alltag, erkannte Probleme und reagierte direkt darauf. Besonders das Badezimmer wurde zu ihrem Experimentierfeld: Gemeinsam mit Freunden entfernte sie eingezogene Wände, schlug alten Putz ab und strich neu. Mit Unterstützung von Sanitärfachleuten installierte sie einen Wasseranschluss und improvisierte mit einem Gartenschlauch eine einfache, funktionierende Dusche. Die Veränderungen blieben nicht unbemerkt: Eine Nachbarin brachte Pflanzen vorbei, andere kochten Essen. Trotz Sprachbarrieren entstand ein Austausch – und das Haus wurde als bewohnter Ort wieder Teil des Quartiers.
Weiterbauen mit dem, was da ist
Diese Logik setzte sich auch im Kleinen fort. Im Oktober 2025 entwickelte die Studentin Anika Gercke innerhalb eines Monats einen Werkzeugschrank, der vollständig aus vorhandenen Materialien bestand – ohne einen einzigen Neukauf.
Anika sichtete zuerst das Haus und nutzte, was sie fand: alte Türen aus HOUSE-04, ehemalige Ausstellungsmöbel, Reste von Wettbewerben und Material von Handwerker*innen, mit denen Studio GROSS zuvor gearbeitet hatte. Die begrenzte Menge und die unterschiedlichen Dimensionen der Materialien machten jede Entscheidung zur Abwägung. Schraubenlängen, Materialstärken und Verbindungsmittel bestimmten die Konstruktion. So wuchs der Schrank Schritt für Schritt zusammen. Nun dient der Schrank als zentrale Arbeitsinfrastruktur: Er bündelt Werkzeuge und Materialien und schafft eine Grundlage für die laufenden Reparaturen im Haus. Auf Rollen konzipiert, bleibt er beweglich und kann in zukünftige Projekte mitgenommen werden – als Teil eines Systems, das weiterwandert.
Möbel aus Shoji
Im November 2025 reisten die norwegischen Designer Tale Berger Hølmebakk und Theodor Vange an. Aus dem Abbruch eines früheren Projekts von Studio GROSS bargen sie Shoji-Schiebetüren und Metallgewebe aus dem Treppenhaus. In HOUSE-04 entwarfen sie daraus Möbel für den kleinen Bibliotheksraum im Obergeschoss – gerade einmal 1,80 mal 1,80 Meter groß. Gleichzeitig öffnete sich das Haus auch für weitere Nutzungen: Das Kollektiv Soybot aus Wien bespielte die Räume mit Risoprints, Keramik und Malerei und erweiterte damit die bestehenden Arbeitsprozesse um eine zusätzliche Ebene. Wohnen, Arbeiten und Präsentieren griffen ineinander und überlagerten sich.
Was passiert als Nächstes?
Aktuell arbeiten zwei weitere Studierende aus Lausanne im Haus. Im Fokus steht die Reparatur historischer Holzrahmenfenster aus der Shōwa-Zeit sowie der Bau eines großen Tisches aus vorhandenem Material – mit dem Ziel, Bauteile für zukünftige Projekte weiterzuverwenden. Während vielerorts über Nachverdichtung und Neubauten diskutiert wird, zeigt HOUSE-04 eine andere Dringlichkeit: die Pflege des Bestehenden. Gleichzeitig wird sichtbar, was verloren geht. Leerstehende Häuser sind ungenutzter Raum. Ohne Nutzung werden sie zu toter Substanz – ohne soziale und räumliche Wirkung.
Ende Juni 2026 wird Studio GROSS das Projekt auf dem UIA-Kongress in Barcelona präsentieren und damit die Frage weiterführen, wie Architektur durch Nutzung gedacht werden kann. Die Konsequenz liegt auf der Hand: nicht ersetzen, sondern nutzen.