Nicht bauen, sondern ernten: Wie drei Weimarer Absolventen ein Dorf produktiv machen

Drei Studienfreunde gewinnen Europan 18, ohne ein Gebäude zu entwerfen – und werden dabei zum Team. Ihr Werkzeug: ein Betriebssystem für brachliegende Agrarflächen.

Sommer 2024: Hikari Masuyama ist gerade aus Tokio zurück, trifft recht zufällig seinen alten Studienfreund Lorenz Junge und fragt, ob er Lust auf einen Wettbewerb hat. Kurz darauf stößt Justus Pleil dazu. Alle drei folgten demselben Bedürfnis: parallel zum Büroalltag eigenständig entwerfen. Dieses Mal stellen wir in unserer Reihe kein Kollektiv oder Studio vor, sondern ein Team, das sich aus einer Studienfreundschaft an der Bauhaus-Universität Weimar formierte – und mit Europan 18 und ihrem Gewinnerprojekt "Erholsame Produktivräume" einen konkreten Anlass fand, seine Arbeitskompatibilität zu erproben.

#StudioUnderConstruction wirft einen Blick auf Entstehungsgeschichten, Projekte und Philosophien von Architekturbüros, die ihre Gründung innerhalb der letzten fünf Jahre vollzogen haben – oder mittendrin stecken. Eine Reihe von und für Newcomer*innen.

Drei Wege, eine Haltung

2013 starteten sie ihr Studium in Weimar – Hikari und Lorenz Architektur, Justus Stadt- und Raumplanung. Danach trennten sich ihre Wege: Hikari arbeitete sechs Jahre im Tokioter Atelierbüro Kohasegawa and Associates, Lorenz sammelte Berufserfahrung in Nürnberg und machte seinen Master in Braunschweig, Justus wechselte zu Landschaftsarchitektur und studierte in Hannover weiter. 

Ihre Methode aus dem gemeinsamen Studium blieb auch für den Europan-Beitrag erhalten: erst den Ort verstehen, dann relevante Fragen formulieren – und zuletzt die passende Form suchen. Trotz geografischer Entfernung arbeiten sie über ein gemeinsames Miro-Board zusammen, ergänzt durch Wochenendtreffen. Lorenz beschreibt ihre Dynamik als Zusammenspiel von Optimist, Pessimist und Realist.

Gestalten, ohne zu bauen

Europan 18 stellte in Speichersdorf drei Aufgaben: den Umbau einer Festhalle, die Entwicklung des Bahnhofsareals und die Zukunft der innerörtlichen Freiflächen. Die oberfränkische Gemeinde ist aus drei historischen Kernen zusammengewachsen, durchzogen von landwirtschaftlichen Flächen, die in starkem Kontrast zur homogenen Masse der Einfamilienhäuser stehen. Städtische Räume kehren den Feldern den Rücken zu – zugängliche naturnahe Flächen fehlen. Ihre Analyse ergab: Speichersdorf produziert durch Bürgersolarparks, Windkraft und Nahwärmenetze bereits mehr erneuerbare Energie, als es verbraucht – doch im Stadtraum bleibt das unsichtbar.

Hikari, Lorenz und Justus entschieden sich für die Freiflächen. Sogar die zwei Architekten akzeptieren, dass die Lösung nicht im Bauen liegt. Das Team betrachtet Agrarflächen nicht als monofunktionale Ressource, sondern als Träger wirtschaftlicher, ökologischer, ästhetischer und freizeitlicher Funktionen. Daraus entsteht ein Betriebssystem aus mehreren Raumtypen: Ein schmaler Park-Saum erschließt die Flächen mit autofreien Wegen und Retentionsmulden. Kurzumtriebsplantagen strukturieren die Felder zu Energieholzstreifen, die alle drei bis sechs Jahre geerntet werden. Durch Pyrolyse entsteht Biokohle, die dauerhaft CO₂ im Boden bindet. Dazwischen ermöglichen Agroforstsysteme direktvermarktbare Nutzungen wie Gartenbau, Schnittblumenanbau oder Geflügelhaltung. Kleinere Baulücken im Stadtgebiet aktiviert das Team über aufgeständerte Agri-PV-Module, die als Dach dienen und Zwischennutzungen ermöglichen.

Vom Preisgeld zur Schicksalsgemeinschaft

Der erste Preis für Speichersdorf erzwang schließlich organisatorische Tatsachen: eine Rechnung, gemeinsame E-Mail-Adressen, erste laufende Kosten. „Du wirst zwangsläufig ein Kollektiv“, sagt Justus. Ob sich daraus ein Büro ergibt, lassen die drei offen. Inzwischen haben sie den Entwurf weiterentwickelt: Ein KUP-Karussell gegenüber einer Kita verbindet Wald-Kindergarten, pädagogischen Lernort und Energieholzproduktion. Am Bahnhof schlagen sie ein Sonnendeck vor – eine leichte Struktur mit Aussichtsplattform und PV-Dach, die den Wartebereich neu denkt und Speichersdorfs Energiewende sichtbar macht. Die Gemeinde und Fördermittelgeber*innen verfolgen die Umsetzung – nach der Sommerpause sollen die konkreten Planungen beginnen.