Hybrides Gewächshaus für Stuttgart 21: Bauteilwiederverwendung als Entwurfsstrategie
Ein neuer Stadtbaustein soll zwischen ehemaliger Gleisinfrastruktur und dem künftigen Rosenstein-Quartier vermitteln – räumlich, programmatisch und materiell. Elf Entwürfe zeigen, wie aus den Bauteilen der alten Gleishalle großmaßstäbliche architektonische Strukturen entstehen können.
Selten ist ein Entwurfsstudio mit einer ähnlich ambitionierten Aufgabe konfrontiert wie „Next Stop: Wild Assembly“. Im Wintersemester 2025/26 planten Bachelor- und Masterstudierende für das Stuttgarter Rosenstein-Areal eine hybride Struktur, die Kultur, Gewerbe, öffentlichen Raum und urbanes Leben in einem überdimensionierten Gewächshaus zusammenführen soll. Die Herausforderung lag dabei nicht allein in der städtebaulichen Lage und programmatischen Dichte, sondern vor allem im konstruktiven Ansatz: Die Bauteile der ehemaligen Gleishalle sollten in den Projekten weiterverwendet werden. Betreut von Prof. Annika Seifert am Institut für Baustofflehre, Bauphysik, Gebäudetechnologie und Entwerfen der Universität Stuttgart entstanden elf Entwürfe. Was zeigen sie über den architektonischen Umgang mit den Rückständen dieses kontrovers diskutierten Projekts?
Entwerfen am neuralgischen Punkt
Mit dem Umbau des Bahnknotens Stuttgart 21 und dem Rückbau der Gleisanlagen wird eine rund 85 Hektar große innerstädtische Fläche neu disponiert. Während der Hauptbahnhof zu einem unterirdischen Verkehrshub wird, entsteht auf den freiwerdenden Arealen mit dem Rosenstein-Quartier ein neues, gemischt genutztes Stadtgebiet. Innerhalb dieses Transformationsraums nimmt das Baufeld A3 eine besondere Rolle ein: Als Eingang zum Quartier ist es ein Ort, an dem sich die städtebaulichen Ansprüche des Gesamtprojekts verdichten. Während die Planung dafür voranschreitet, nutzten die 22 Studierenden das 7.000 Quadratmeter große Areal für architektonische Experimente aus den Überresten des Bestands.
Gleis im Kreis
Erhalten, was bereits existiert – so lautete die Prämisse des Studios. Gerade Stahl eignet sich dafür: robust, sortenrein trennbar und häufig in gleicher Form erneut einsetzbar. Träger, Stützen, Pfetten, Dachbleche und Schienen der ehemaligen Gleishalle wurden so zum potenziellen Rohmaterial neuer Architektur. Die Studierenden dokumentierten die vorhandenen Elemente in einem Bauteilkatalog nach Geometrie, Materialeigenschaften und Umweltauswirkungen. Auf dieser materiellen Grundlage entwickelten sie anschließend ihre städtebaulichen und raumstrukturellen Entwurfsstrategien.
Strukturalistische Ambition, formale Kühnheit
Kompakte Baukörper, terrassierte Großform oder durchlässige Hallenstruktur: Die Entwürfe unterscheiden sich deutlich in Kubatur, Dichte und räumlicher Organisation. Damit zeigen sie, dass Wiederverwendung weder einen formalen Stil noch eine ästhetische Richtung vorgibt.
Projekte wie „Railway Pyramids” übersetzen die konstruktive Logik vorhandener Bauteile in eine archetypische, nahezu ikonische Form. „Re:shelf” sieht dagegen ein kompaktes Stadtregal vor, das durch einen vorgelagerten Platzraum ergänzt wird – eine Geste, die auf das Centre-Pompidou-Konzept verweist. „The Urban Machine“ entwickelt aus ehemaligen Bahnschienen ein durchlässiges Gerüst mit eingeschobenen Nutzungsbausteinen. Doch was ist aus dem hybriden Gewächshaus geworden?
Mehr als grüne Staffage
Die vorgegebene Primärnutzung – ein urbanes Gewächshaus – kann zunächst überraschend wirken. In der Verschränkung mit dem öffentlichen Nutzungsmix gehen die Entwürfe unterschiedlich mit dieser Vorgabe um. Überzeugend werden sie dort, wo Vegetation, Klima und Freiraum die räumliche Organisation mitbestimmen, wie etwa im Projekt „Gleisbad Stuttgart“. Hier werden die Spuren der ehemaligen Gleisbetten in lineare Wasserstrukturen übersetzt, die zusammen mit dichter Vegetation ein offenes, mikroklimatisch wirksames Gefüge erzeugen.
„Wild Assembly“ suchte offensichtlich nicht nach unmittelbar realisierbaren Lösungen für den Sonderbaustein A3. Das Studio zeigt vielmehr, wie früh Wiederverwendung im Entwurfsprozess ansetzen kann: bereits im städtebaulichen Konzept. Gerade im Kontext eines Projekts wie Stuttgart 21, das seit Jahren Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ist, gewinnt diese Übung an zusätzlicher Relevanz. Zugleich ist sie kein Einzelfall: Das Forschungslabor Stuttgart 210 und das daraus hervorgegangene Reallabor in Ingersheim untersuchen bereits seit 2022 die Wiederverwendung der Schalungselemente des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Solche Ansätze verdienen Fortsetzung.