Frauen(leben) im Neubühl: Geschichten aus einer Wohnikone
Studierende der Berner Fachhochschule erforschten die Werkbundsiedlung Neubühl aus weiblicher Perspektive und zeigen, wie Frauen die Räume nutzen und ihren Alltag in der Siedlung gestalten – von den 1930er-Jahren bis heute.
Frauen sind Wohnexpertinnen. Sie verbringen trotz steigender Erwerbstätigkeit bis heute deutlich mehr Zeit im Wohnraum als Männer. Als junge Frauen ziehen sie früher aus dem Elternhaus, als Witwen leben sie oft jahrzehntelang allein. Kurz: Sie prägen Wohnen stärker, als es die Architekturgeschichte bisher sichtbar gemacht hat.
Ein besonders anschauliches Beispiel für diese Unsichtbarkeit liefert die ikonische Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich (1930–32). Die Rolle der Architekten und die Konzepte des Baus wurden ausreichend dokumentiert. Doch wie Frauen dort lebten, welche Routinen, Bedürfnisse und Aneignungen sie entwickelten – darüber gibt es kaum Quellen. Aus diesem Mangel heraus entstand 2022 ein Lehrprojekt an der Berner Fachhochschule. Unter der Leitung von Prof. Ulrike Schröer und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Henriette Lutz erforschten Studierende die Siedlung bewusst aus weiblicher Perspektive: durch Interviews, historische Rekonstruktionen und Fotodokumentationen. Ihr Ziel war es, den Frauen im Neubühl eine Stimme zu geben und ihre Erfahrungen in den öffentlichen Diskurs einzubringen.
Wohnen wie in den Ferien
„Wohnen wie in den Ferien“ – so warb man 1932 für die Siedlung Neubühl. Mit rationalen Grundrissen, durchdachten Erschließungen und großzügigen Außenräumen galt sie als Musterbeispiel des Neuen Bauens. Bis heute ist die Siedlung so begehrt, dass viele Bewohner*innen ein Leben lang bleiben. Möglich macht das auch die Vielfalt an Wohnungstypen – vom Ein-Zimmer-Studio bis zum Sechs-Zimmer-Reihenhaus.
Dieser und weiteren Qualitäten näherten sich die Studierenden im ersten Schritt über eine klassische Architekturanalyse an. Sie untersuchten das Ensemble in den Maßstabsebenen Städtebau, Erschließung und Wohnung. Anschließend überprüften sie ihre theoretischen Erkenntnisse vor Ort mittels Begehungen, in Gesprächen und im Abgleich mit der eigenen Wahrnehmung. Dabei zeigte sich, dass gutes Wohnen dort entsteht, wo sich Menschen mit Räumen identifizieren und Architektur Nachbarschaften, Rollenbilder und Routinen prägt.
Stimmen der Frauen
Wer sind also die Frauen, die in Neubühl leben – und wie gestalten sie ihren Alltag? Um Antworten darauf zu finden, traten die Studierenden in direkten Austausch mit den heutigen Bewohnerinnen. Mithilfe eines standardisierten Fragebogens entstanden zwölf Interviews, die bewusst die subjektive Wahrnehmung und das individuelle Erleben in den Vordergrund stellten:
Leonie Omoregie, Architekturstudentin, lebt seit ihrer Kindheit in Neubühl. Zunächst bewohnte sie mit ihrer Familie ein Sechs-Zimmer-Haus, heute eine Ein-Zimmer-Wohnung – nur zwei Minuten zu Fuß vom Elternhaus entfernt.
„Als Erwachsene lerne ich die Siedlung neu schätzen. Ihre Schlichtheit, die weißen Fassaden, die Modernität – all das begleitet meinen Alltag. Dass es sich um ein Baudenkmal handelt, spielt dabei kaum eine Rolle.“ Leonie Omoregie
Mélanie Gallo, Kunsthistorikerin, zog 2021 mit ihrer Familie in ein Sechs-Zimmer-Haus. Die Mischung aus Nähe zur Stadt und gleichzeitiger Lage im Grünen überzeugte sie sofort – ein Ort, an dem die Kinder frei draußen spielen können. Gleichzeitig beschreibt sie die Herausforderungen des Alltags: knapper Stauraum, enge Eingänge, kleine Küchen. Trotz solcher Engpässe bleibt sie begeistert.
„Der Grundriss ist intelligent gelöst. Effizient, nicht großzügig – aber er funktioniert.“ Mélanie Gallo
Lernen durch Fiktion
Neben den realen Gesprächen wagten fünf Gruppen von Studierenden ein Experiment: Sie entwickelten fiktionale Interviews mit den Bewohnerinnen der 1930er-Jahre. Grundlage waren die wenigen erhaltenen Quellen, die sie mit architektonischer Analyse und historischem Wissen über Rollenbilder, Erziehungspraktiken und Nachbarschaften verknüpften. So entstand ein methodisches Spiel zwischen Fakten und Imagination, das den Blick auf die Siedlung schärfte.
Ein Beispiel ist die Tänzerin Trudi Wickihalder-Schoop, die nachweislich in Neubühl lebte. Über sie war kaum mehr bekannt als ihre Hausnummer und die Dauer ihres Aufenthalts. Die wenigen Quellen eröffneten neuen Spielraum: Je spärlicher die historischen Daten, desto freier konnten die Studierenden mögliche Erfahrungen der Frauen rekonstruieren. In ihrem fiktiven Interview beschreibt Wickihalder-Schoop Neubühl als wohltuenden Rückzugsort fernab der lärmenden Stadt – einen Ort, an dem sie Abstand gewinnt und Kraft für ihre expressionistischen Tänze schöpft.
Publikation
In Kooperation mit dem Werkbund Zürich entsteht derzeit eine Publikation, die die Ergebnisse des Projekts dokumentiert. Im Herbst 2025 erscheint das Buch im JOVIS Verlag unter dem Titel Frauen leben im Neubühl. Vom Wohnen in einer Ikone. Es versammelt Interviews, Essays und Fotografien und eröffnet einen vielschichtigen Blick auf weibliche Wohnerfahrungen in Neubühl – von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart.
Dabei richtet sich die Publikation nicht nur an ein akademisches Publikum, sondern bietet auch praktizierenden Architekt*innen wertvolle Einblicke, wie Architektur Alltag prägt und welche Bedeutung die Nutzerinnenperspektive für generationenübergreifendes Wohnen hat.