Erst zuhören, dann entwerfen: Wie ein Seminar den Aachener Bestand zur Initiative macht
Acht Bestände, sieben Medien, aber eine Haltung: „Alles ist Bestand.“ Unter diesem Titel haben Studierende Gebäude als Geflecht aus Geschichten, Akteur*innen und Regeln analysiert und daraus eigene Konzepte entworfen.
Ein leeres Hallenbad in Herzogenrath, ein Kiosk am Aachener Neumarkt oder ein Toilettenhäuschen am Burtscheider Viadukt – diesen scheinbar banalen Gebäuden schreibt kaum jemand einen Wert zu. Ihnen widmete sich im Sommersemester 2026 das Studio „Alles ist Bestand“ an der Dozentur Entwerfen der RWTH Aachen, die Jurek Brüggen leitet. Die Aufgabe: Die Studierenden sollten für einen Bestand in Aachen oder Umgebung eine Initiative entwickeln. Am Anfang stand dabei kein Aufmaß, sondern ein Podcast. Für ihr Vorhaben rief das Team zudem eine ganze Website ins Leben.
Bestand ist mehr als Gebäude
Der Kurs fasst den Begriff „Bestand“ bewusst weit: Neben der gebauten Substanz zählen auch Gesetze, Gewohnheiten, Geschichten, Ökonomien, Politik, Wünsche und Ängste. In der Polykrise aus Klimaerwärmung, Artenverlust und Wohnungskrise solle Architektur schließlich selbst zur Initiative werden. „Transformation entsteht selten durch einen Auftrag. Sie beginnt, wenn jemand eine Frage stellt“, hieß es von Beginn an im Reader für die Studierenden. Wer „real initiieren“ will, müsse also den Realisierungsprozess mitentwerfen. Wer finanziert, wer baut, wer entscheidet, wer nutzt?
Initiative und Medium
Methodisch folgte die Lehrveranstaltung einem Rhythmus: Vormittags stellten Dozent Brüggen oder Gäst*innen eine Initiative vor, nachmittags führten die Lehrenden ein neues Medium ein.
Das Format Podcast stand dabei nicht zufällig am Anfang, denn zunächst ging es um die Geschichte, nicht um das Objekt. Jede Folge sollte mit einer Situation starten, die fasziniert, irritiert oder Fragen aufwirft. Die Gespräche loteten die soziale, kulturelle, emotionale und politische Bedeutung eines Ortes aus. Parallel dazu entstanden Fotografien und Filme, photogrammetrische 3D-Scans, Bestandspläne und Akteursdiagramme. Diese zeigten, wer an einem Ort beteiligt ist.
Wie eng diese jeweiligen Ebenen ineinandergreifen, verdeutlicht die Arbeit „Tuchwerk“ zur alten Textilfabrik in der Soers: Schnitt und Tragwerksanalyse stehen dort gleichberechtigt neben der Akteurskonstellation.
Vom Bauteilkatalog zur Genossenschaft
Im Entwurfsteil übersetzten die Teams ihre Analyse in Axonometrien, Schemata, Rot-Gelb-Pläne, Details und auch KI-gestützte Visualisierungen. Maßstab und Umfang der Interventionen blieben offen.
„Aus dem Block in dem Block“ arbeitete mit einem Bauteilkatalog für einen Blockinnenbereich im Frankenberger Viertel. Dabei waren Fundstücke wie Bauzaun, Reifen oder Wellblech mit null Euro gelistet, während Neuteile wie Schalungsstützen oder Siebdruckplatten einen Preis hatten. „Lehre, die knallt“, bezifferte für ein Ensemble an der Mauerstraße die Möblierungskosten gemeinschaftlicher Arbeitsplätze und skizzierte die schrittweise Belebung Aachener Leerstände. Die Arbeit zu den Aachen Arkaden in Rothe Erde staffelte ihre Intervention in Etappen und verteilte die Nutzungen neu. „Genossenschaft Weisweiler“ entwickelte für ein Mehrfamilienhaus in Eschweiler ein genossenschaftliches Modell und detaillierte den Umbau bis zur Faltschiebetür. Ferner erprobten drei Teams erprobten ihre Ideen in eigenen Aktionen.
Und vor allem: Was passiert danach? Die Konzepte richten sich als Vorschläge an Genossenschaften, Bürgerinitiativen, Stiftungen oder Privatpersonen.
Alles ist Bestand ist Alles
Den Abschluss des Sommersemesters bildete das viertägige Festival „Alles ist Bestand“ im Juli. Die laufende zweite Runde im Wintersemester 2026/27 mündet im Februar in das Festival „Bestand ist Alles“. Die Umkehrung des Titels ist Programm: Bestand umfassend zu lesen heißt, nicht nur Gebäude zu entwerfen, sondern Zukünfte vorzuschlagen.