Entwerfen im Ausnahmezustand: Das Extreme Studio

Wie plant man Häuser, wenn der Boden regelmäßig unter Wasser steht? In Porto Alegre entwickeln Studierende Architektur für einen Alltag im Hochwasser.

Im Mai 2024 überschwemmte Starkregen große Teile von Porto Alegre in Brasilien. Besonders hart traf es das Arquipélago, eine Gruppe bewohnter Inseln im Jacuí-Delta. Die Flut zeigte, was längst vorhanden war: eine fragile räumliche Situation dank niedriger Topografie, instabilen Böden und fehlender Infrastruktur.

Anfang 2026 untersuchten 68 Masterstudierende der TU Delft das Gebiet. Unter der Leitung von Job Schroën arbeiteten sie gemeinsam mit Studierenden der Universidade Federal do Rio Grande do Sul im EXTREME Studio. Sie fuhren mit Booten zwischen den Inseln, dokumentierten Siedlungen, beobachteten Wasserstände und sprachen mit Bewohner*innen über ihren Alltag. Ihre Frage: Wie lässt sich hier überhaupt bauen?  

Architektur unter Druck

Das EXTREME Studio ist seit 2017 Teil des Masterstudiengangs Architektur an der TU Delft. Ein Beispiel ist Antakya: Nach den Erdbeben 2023 arbeiteten Studierende dort am Wiederaufbau einer Schule. Im Libanon planten sie Schutzunterkünfte in einem konfliktgeladenen politischen Kontext. Auf Sint Maarten in der Karibik entwickelten sie 2022 Wohnmodelle für mittlere Einkommen. Dabei beschäftigten sie sich mit steigenden Baukosten und begrenztem Raum. 

Der Ansatz bleibt jedes Mal gleich: Die Studierenden recherchieren vor Ort, testen Materialien und Bauweisen und entwickeln daraus Entwürfe, die auf die jeweiligen Bedingungen reagieren.

Alltag im Arquipélago

Im Jacuí-Delta arbeiteten die Studierenden eng mit den Bewohner*innen zusammen. Sie begleiteten Fischer und nutzten die bestehenden Wege durch das Delta. Dabei kartierten sie informelle Siedlungen und hielten fest, wie sich der Alltag zwischen Wasser und Land organisiert. Die Gespräche machten deutlich, wie stark Wohnen und Arbeit vom Wasser abhängen – und wie ungleich Ressourcen verteilt sind. Die Überschwemmung war keine Ausnahme. Sie war Verstärker bestehender Ungleichheiten. 

Auf dieser Grundlage prüften die Studierenden erste räumliche Ansätze. Sie suchten nach einfachen Konstruktionen, die sich mit den vorhandenen Mitteln umsetzen lassen. Am Ende der Woche errichteten sie einen einfachen Bambuspavillon, testeten Verbindungen und arbeiteten unter realen Bedingungen. Dadurch prüften sie, was vor Ort funktioniert – und was nicht.

Strategien für schwankende Wasserstände

Zurück in Delft überführten die Studierenden ihre Beobachtungen in Entwürfe. Dabei galt: Wasser ist kein Gegner, sondern Teil des Raums, mit dem sich arbeiten lässt.

Geordie Whittaker entwickelte ein modulares Bausystem, das auf lokalen Ressourcen und Hochwasserschutzpraktiken basiert. Ein einfaches Raster soll es den Bewohner*innen ermöglichen, die Konstruktion selbst zu errichten, anzupassen und zu erweitern. Aashna Singh hingegen entwarf schwimmende Märkte für lokale Fischer. Die Plattformen bleiben bei Hochwasser nutzbar, lassen sich zerlegen und neu anordnen.

Lernen, mit Risiken zu arbeiten

Chengxi Liu platzierte eine Gemeinschaftsküche in einer geschützten Bucht. Gestapelte Bambusplattformen reagieren auf schwankende Wasserstände und bleiben dennoch verankert. Vivian Yeng entwickelte ein schwimmendes Fährterminal auf der Ilha Grande dos Marinheiros. Die Struktur bindet die Inseln an das Festland an und integriert eine Bibliothek als öffentlichen Raum, der auch bei Hochwasser funktionieren soll.

Trotz ihrer Unterschiede folgen die Entwürfe einer gemeinsamen Logik. Sie lassen sich anpassen, erweitern und weiterbauen. Aus den Projekten wird klar: Architektur kann Risiken nicht auflösen. Aber sie kann Strukturen entwickeln, die mit ihnen arbeiten, statt sie kontrollieren zu wollen.