Ein Leben nach dem Kino: Diplomentwürfe für den Dresdner Kristallpalast
Netflix, Disney+, Hulu, Joyn, Sky – wer geht bei diesem Streaming-Angebot noch ins Kino? Studierende skizzierten Ideen für die Weiterentwicklung eines Filmtheaters mit ungewisser Zukunft.
Wenn die große Leinwand an Attraktivität verliert, was wird aus der Bautypologie Filmtheater? Studierende der Technischen Universität Dresden widmeten sich in ihrer Diplomarbeit der Weiterentwicklung eines ikonischen Kinos der sächsischen Hauptstadt – vom Städtebau bis hin zum Detail. Unter der Leitung von Prof. Henning Haupt und Felix Beyer spekulierten sie im Sommersemester 2025 mit der Umnutzung dieses architektonischen Landmarks und des umgebenden Areals. Die Ergebnisse sind bis zum 4. Dezember 2025 im ZfBK im Kulturpalast Dresden ausgestellt.
Eine Typologie auf dem Prüfstein
Kinos, oft mit Gastronomie und Einzelhandel kombiniert, galten lange als bewährte urbane Freizeitorte. Doch spätestens seit der Corona-Pandemie sinken die Besucher*innenzahlen stetig. Auch der UFA Kristallpalast in Dresden bleibt davon nicht verschont.
Das Großkino am Rand der Dresdner Innenstadt liegt an der stark frequentierten Sankt Petersburger Straße, flankiert vom mit dem Wohn- und Geschäftshaus Prager Zeile. 1998 eröffnet, gehört das Gebäude des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au zu den prominenten Beispielen des Dekonstruktivismus: ein gläsernes, skulpturales Volumen trifft auf einen massiven Betonmonolithen. Gemeinsam formen sie ein markantes Ensemble – ästhetisch prägend, städtebaulich präsent.
Der Kristallpalast steht exemplarisch für Gebäude, deren Schicksal ungewiss ist: zu jung für den Denkmalschutz, zu emblematisch, um abgerissen zu werden, und zugleich programmatisch überholt. Wie baut man ein solch skulpturales Bauwerk weiter hin zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Pol? Wie befreit man es aus seinem engen, typologischen Korsett?
Aufgabe mit zwei Herausforderungen
Die Diplomaufgabe „Deconstruct Deconstructivism“ erkannte früh die Problematik und das Potenzial des Gebäudes, bevor es in die Bedeutungslosigkeit versinkt. Es galt, das Großkino in einen kulturellen Hotspot zu verwandeln – eine hybride Struktur für Kultur, Bildung und Freizeit. Die Aufgabe war dabei keineswegs rein theoretisch: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden suchen derzeit einen zentralen Standort für die zeitgenössische Sammlung des Kunstgewerbemuseums. Ein vielversprechendes programmatisches Match, das eine architektonische Neuinterpretation erforderte.
Auf programmatischer Ebene mussten sich die Entwerfenden mit neuen Formen des musealen Ausstellens auseinandersetzen. Im Kern des Raumprogramms stand der Design-Campus – ein Ort für Austausch, Lernen und die Auseinandersetzung mit aktuellen Gestaltungsfragen.
Urbanes Hybrid
Die sechs Entwürfe bespielten das gesamte dreieckige Grundstück mit neuen Baukörpern und Außenanlagen. Sie schufen Aufenthaltsorte in verschiedenen Maßstäben und vernetzten den Bauplatz mit der Umgebung. Beim Umgang mit dem Bestand wählten alle ein minimalinvasives Vorgehen: Die Räume des Kinopalasts wurden größtenteils für den Design-Campus umgenutzt, während die ergänzenden Neubauten weitere Funktionen beherbergten. Die Ansätze reichten von fragmentierten Volumina, die sich dem Bestand unterordneten, über eng an das Gebäude angefügte Strukturen bis hin zu markanten Riegeln, die neue städtebauliche Akzente setzten.
Ob zurückhaltend, ergänzend oder dominant – alle Projekte zielten darauf ab, campusartige Ensembles zu schaffen, die Urbanität erzeugen und einen generationsübergreifenden Dialog mit der prägnanten Architektur des Palasts eingehen. Die Ausstellung im Kulturpalast Dresden betont diese gestalterische Bandbreite und zeigt, wie vielseitig das Narrativ des skulpturalen Bestands weitergeschrieben werden könnte.