Ein Kilometer Stadtwandel: Bahnbögen für Prag
Ein vergessenes Viadukt wird zum Rückgrat der Stadt: Seit mehr als zehn Jahren verwandelt CCEA MOBA mit der schrittweisen Aktivierung der Bahnbögen in Prag einen Kilometer Infrastruktur in Raum für Kultur und Nachbarschaft.
Das Negrelli-Viadukt, 1850 in Prag eröffnet, war einst Europas längste Eisenbahnbrücke. Heute wird es schrittweise in eine soziale Infrastruktur umgewandelt. Während Bahnbögen in vielen europäischen Städten – etwa in Berlin – verfallen oder brachliegen, zeigt Prag mit diesem Projekt, wie gemeinschaftlich entwickelte Stadtentwicklung gelingen kann.
Mitten in Prag, zwischen Hauptbahnhof und dem Stadtteil Karlín, arbeitet das Centre for Central European Architecture (CCEA MOBA) seit über zehn Jahren an der Transformation der Bögen. Unter dem Titel „1 KM of Urban Change“ entsteht ein urbanes Rückgrat für die Nachbarschaft mit Ateliers, Cafés, Werkstätten und Raum für kulturelle Experimente. Für dieses Engagement wurde das Projekt als Finalist für den New European Bauhaus Prize 2025 nominiert.
Erste Zeichen setzen
2013 machte das Team erstmals das Potenzial des Viadukts sichtbar. Unter dem Titel The Gallery Track organisierten sie gemeinsam mit zehn Prager Galerien Installationen, Performances und Gespräche unter den damals verwahrlosten Bögen. Müllplätze und Abstellflächen wurden zu Ausstellungsräumen. Die Aktion zog Aufmerksamkeit auf sich und markierte gleichzeitig den Beginn eines langfristigen Transformationsprozesses.
Verhandeln, vernetzen, vorbereiten
Parallel zur vorgesehenen technischen Instandsetzung durch die tschechische Bahngesellschaft begann CCEA MOBA, die Zukunft des Viadukts strategisch zu planen. Sie initiierten die Überführung der Grundstücke unter den Bögen in kommunales Eigentum und organisierten ein internationales Symposium mit Vertreter*innen aus Verwaltung, Bahn, Denkmalpflege und Architektur, um über mögliche Zukunftsszenarien zu diskutieren. Im Sommer 2016 testeten sie erste Nutzungsformen: Sportflächen, eine Bar und Aufenthaltszonen belebten den öffentlichen Raum rund um das Viadukt. 2017 nahm der Bezirk Prag 8 die Konzeptstudie offiziell an.
Vom Konzept zum Plan
Mit Beginn der vollständigen Rekonstruktion des Viadukts entwickelte CCEA MOBA ein alternatives Nutzungsmodell. Statt reiner Kommerzialisierung sollten die Räume unter den Bögen bezahlbar, vielfältig und lokal verankert sein. Gemeinsam mit NGOs, der Stadt und zivilgesellschaftlichen Gruppen erarbeiteten sie einen Verteilungsschlüssel:
- 40 % gewerbliche Nutzung,
- 40 % kreative Nutzung,
- 20 % für gemeinwohlorientierte Start-ups und Initiativen.
Ziel war es, Raum zu schaffen, der sich dauerhaft gegen Verdrängung behaupten kann – ein Ansatz, der längst auch in anderen Städten diskutiert wird.
Bogen Nr. 36
Ab 2020 begann die Umsetzung des ersten realen Raums: Bogen Nr. 36 wurde als Pilotprojekt geplant, gebaut und Ende 2024 eröffnet. Er dient als technisches und soziales Testlabor. Hier werden Akustik und Temperaturverhalten getestet, vor allem aber auch: Wie funktioniert eine gemeinschaftliche Nutzung in der Praxis? Der Raum steht Anwohnern kostenlos für Vorträge, Diskussionen, Ausstellungen und andere Pop-up-Aktivitäten zur Verfügung.
Bogen 1 von 49
Mit der Eröffnung des ersten Viaduktbogens wurde die Transformation sichtbar. Kurz nach der Fertigstellung des Pilotprojekts fanden dort erste Ausstellungen von Studierenden tschechischer Universitäten statt. Die nächsten Bögen sind bereits in Planung, das Bebauungsplanverfahren läuft. Bis zu 49 weitere Abschnitte sollen in den kommenden Jahren für lokale Initiativen, Kultur und Nachbarschaft erschlossen werden. Die Grundlage ist geschaffen, und Prag hat damit einen neuen öffentlichen Raum gewonnen – ein Beispiel, von dem auch andere europäischen Städte lernen könnten.