Die Kunst der Ankunft: Temporäre Haltestelle für das Roskilde Festival

Wenn das Ankommen auf einem Musikfestival zum raffinierten architektonischen Erlebnis wird: Studierende planen und bauen den komplexen Transitraum vom Zug zum Veranstaltungsgelände.

Im dritten Bachelorsemester einen Verkehrsbau für Hunderttausende entwerfen und umsetzen? Eine zugleich verlockende und einschüchternde Aufgabe. Mehreren Studierendenteams unter der Leitung von Assoc. Prof. Martin Marker an der Royal Danish Academy bot sich die Gelegenheit, an einem dreijährigen Projekt für eines der bekanntesten Musikfestivals Europas mitzuarbeiten. 

Eine Haltestelle als Eingangstor zum Festival

Das Roskilde Festival lockt jährlich rund 130.000 Besucher*innen an. Acht Tage lang versammelt sich diese Menschenmenge auf einem Kiesaushubfeld, 30 Kilometer westlich von Kopenhagen und bringt den Boden mit Metal, Indie und Hip-Hop zum Beben. Während der Konzerttage stößt die Infrastruktur an ihre Grenzen: Aus jedem Zug steigen 800 Personen, die das Gelände geordnet betreten oder verlassen müssen. Eine temporäre Haltestelle ermöglicht diesen Prozess.

Assoc. Prof. Marker, Leiter des Architektur-Bachelorstudiengangs, ist ein großer Verfechter der Arbeit im Maßstab 1:1. Bekannt für seine akademischen DesignBuild-Projekte wurde er von den Organisator*innen des Roskilde Festivals kontaktiert. Das Festival benötigte eine neue Haltestelle.

Ein all-in-one Lehrmodul 

Um das Projekt in die Lehre zu integrieren, plante Marker einen dreijährigen Ablauf. In jeder Iteration durchläuft jede Studierendengeneration drei Phasen: Entwurf, Planung und Auswertung. Den Auftakt bildete im Sommer 2024 ein Pilotprojekt, bei dem Student*innen durch Interviews die Bedarfe ermittelten und die Entwurfsaufgabe definierten.

Im Wintersemester 2024/25 arbeiteten fünf Gruppen mit je fünf Studierenden aus dem dritten Semester an dem Entwurf der Haltestelle. Ihre Entscheidungen basierten auf typologischen, konstruktiven und funktionalen Analysen von Verkehrsinfrastrukturen sowie auf theoretischen Studien etwa zu sicheren Räumen und defensiver Architektur. Das Lernen voneinander führte zum Gestalten miteinander – mit dem erworbenen Grundlagenwissen entwickelte die Gruppe schrittweise ein einheitliches gestalterisches und konstruktives Konzept. 

Die Herausforderung bestand nicht nur darin, die Logistik des Ankommens und Abfahrens zu gestalten, sondern auch sichere und inklusive Räume zu schaffen. Input erhielten die Studierenden unter anderem von SUMH, der dänischen Jugendorganisation für Menschen mit Behinderungen, um im Design möglichst viele Bedürfnisse und Einschränkungen zu berücksichtigen.

Architektur als sensorischer Begleiter  

Das Projekt lief wie ein realer Planungsauftrag: Die Festivalorganisator*innen agierten als Auftraggeber*innen, der Austausch mit den Studierenden simulierte Kundentermine. Dabei überzeugte die Idee einer organischen Struktur, die aus aneinandergereihten modularen Holzelementen bestand und die Menschenströme leitete. Ein runder Treffpunkt, transparent und einladend, erleichterte die Orientierung und bot zugleich Raum für Ruhe und Gespräche in kleinen Gruppen. Zusätzlich gestalteten die Studierenden eine „Quiet Zone“ – einen überdachten, geschützten Bereich, der vor sensorischer Überstimulation schützte. Hier konnten Besucher*innen ihre Handys laden, bequem sitzen und auf den nächsten Zug warten.

Modulare Präzision

Im Sommersemester erfolgte dann die Umsetzung. Die Elemente der Struktur sollten abbaubar, wiederverwendbar und leicht zu lagern sein. Gemeinsam mit Tischler-Auszubildenden entwickelten die Studierenden ein modulares System, das in zwei Containern Platz findet. Das praktische Wissen der Tischler*innen war dabei entscheidend. Bereits in der Entwurfsphase arbeiteten beide Gruppen eng zusammen, um die ressourcenschonendste und stabilste Verbindungstechnik zu finden.

Nach dem erfolgreichen Einsatz der temporären Haltestelle beim diesjährigen Festival analysieren die Studierenden nun die Ergebnisse. Ihre Erkenntnisse sollen dem nächsten Jahrgang dabei helfen, die bestehenden Module weiterzuentwickeln und anzupassen. Das methodologisch ambitionierte Lehrprojekt zeigte, dass interdisziplinäre Teamarbeit schon im Bachelor zu ambitionierten Ergebnissen führen kann.