Das Berliner Mietshaus: Ein Studio zur Wohnungsfrage

Was kann ein scheinbar überholter Gebäudetyp zur aktuellen Wohnungsfrage beitragen? Ein Studio untersucht das Berliner Mietshaus als unterschätzten Transformationsraum – zwischen Suffizienz, Gemeinschaft und neuen Wohnmodellen.

Das Berliner Mietshaus steht im Zentrum eines fachgebietsübergreifenden Entwurfsstudios an der Technischen Universität Berlin, initiiert vom Fachgebiet Architektur der Transformation unter Leitung von Prof. Nanni Grau sowie in Zusammenarbeit mit den Fachgebieten Bauökonomie, Gebäudetechnik und Baugeschichte. Im Wintersemester 2025/26 untersuchten Bachelor- und Masterstudierende anhand konkreter Fallstudien aus dem Berliner Bestand, wie sich die Gründerzeittypologie angesichts aktueller Wohnungsfragen transformieren lässt. Ziel war es, räumliche, soziale und ökonomische Strategien für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung zu entwerfen. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Tuntenhaus in Berlin öffentlich ausgestellt und zur Diskussion gestellt.

Vom blinden Fleck zur urbanen Ressource

Obwohl das Berliner Mietshaus einen erheblichen Teil des städtischen Wohnungsbestands ausmacht, bleibt es in der aktuellen Debatte um Wohnraummangel und Transformation weitgehend oft unbeachtet. Warum? Während sich viele Ansätze auf Neubau, Transformation von Großstrukturen oder weitere Bestandsbauten konzentrieren, geraten die großzügigen Gründerzeitstrukturen aus dem Fokus. Gleichzeitig zeigen sich hier zentrale Probleme: wenig soziale Durchmischung und eine Dominanz spezifisch individualisierter Wohnformen.

Das Studio setzt genau an diesem Punkt an. Vor dem Hintergrund eines enorm angespannten Wohnungsmarktes in der deutschen Hauptstadt, geprägt unter anderem durch steigende Mieten, spekulativen Leerstand und den sogenannten Lock-in-Effekt, wird das Mietshaus als latente Ressource verstanden. Historisch als soziale Massenwohnform konzipiert, bietet es durch seine robuste Bauweise und räumliche Großzügigkeit vielfältige Möglichkeiten der Umnutzung – selbst wenn es weiterhin um Wohnraum geht. Die leitende These: In bestehenden Strukturen könnten deutlich mehr Menschen wohnen – wenn neue Formen des Zusammenlebens etabliert werden würden.

Transformation als kollektiver Prozess

Methodisch verfolgt das Studio einen integrativen Ansatz, der architektonische, soziale, ökologische und ökonomische Fragestellungen zusammendenkt. Im Zentrum steht dabei nicht der radikale Umbau, sondern eine minimalinvasive Transformation, die die vorhandene Bausubstanz erhält und weiterentwickelt.

Die Arbeit begann mit einer intensiven Analysephase: Vor-Ort-Recherchen, Gespräche mit Bewohner*innen, kartografische Untersuchungen sowie baulich-strukturelle Analysen bildeten die Grundlage für die Entwürfe. Parallel dazu wurden historische Entwicklungen, Eigentumsstrukturen und klimatische Bedingungen untersucht.

Das Studio verstand Entwerfen als offenen, prozesshaften Vorgang. In interdisziplinären Teams entwickelten die Studierenden adaptive Konzepte, die langfristige Veränderungen antizipieren – räumlich, sozial und zeitlich bis ins Jahr 2075 gedacht. Kooperation spielte dabei eine zentrale Rolle: sowohl innerhalb der studentischen Gruppen als auch im Austausch mit externen Akteur*innen aus Praxis, Politik und Zivilgesellschaft. Architektur wird hier nicht als fertiges Produkt verstanden, sondern als Medium der Aushandlung.

Architekturen des Teilens

Die entstandenen Projekte formulieren unterschiedliche, aber miteinander verwandte Antworten auf die Wohnungsfrage. Im Zentrum steht dabei das Prinzip des Teilens – räumlich, sozial und ökonomisch. Einige Entwürfe transformieren klassische Grundrisse durch die Auflösung von Einzelwohnungen zugunsten gemeinschaftlicher Clusterstrukturen. Private Rückzugsräume werden reduziert, während kollektiv genutzte Bereiche wie Küchen, Arbeitsräume oder soziale Treffpunkte erweitert werden. Andere Projekte ergänzen die Wohnnutzung durch öffentliche Programme, etwa Werkstätten, kulturelle Räume oder nachbarschaftliche Infrastrukturen, um neue Formen urbaner Mischung zu fördern.

Besondere Aufmerksamkeit gilt auch der vertikalen und horizontalen Durchlässigkeit der Gebäude: interne Verbindungen, neue Erschließungssysteme oder die Aktivierung von Höfen schaffen räumliche Kontinuitäten und fördern soziale Interaktion. Gleichzeitig werden Strategien der Klimaanpassung integriert – von der Entsiegelung der Höfe über Fassadenbegrünung bis hin zu Low-Tech-Sanierungskonzepten.

Die Projekte zeigen, dass das Berliner Mietshaus kein Relikt vergangener Stadtentwicklung ist – ganz im Gegenteil –, sondern ein experimenteller Raum für zukünftige Wohnkulturen sein kann – vorausgesetzt, seine Potenziale werden erkannt, geteilt und weitergeschrieben.