Bildung konstruieren: Das reversible Holz-Bausystem SORA
Temporär, rückbaubar, gemeinschaftlich: Mit dem Projekt SORA entwickelten und realisierten Studierende aus München ein serielles Holzbausystem für den Wiederaufbau von Schulen in der Ukraine.
Wie sieht ein Wiederaufbau aus, der über bloßes Reparieren hinausgeht?
Mit dieser Frage beschäftigten sich Studierende der Technischen Universität München im Rahmen des interdisziplinären Entwurfs „School of Tomorrow“. Unter der Leitung des Lehrstuhls für Architektur und Holzbau, Prof. Stephan Birk und dem Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion, Prof. Stefan Winter entwickelten interdisziplinäre Teams im Wintersemester 2024/25 Bausysteme für den Wiederaufbau von Schulen und Kindergärten in der Ukraine. Das Konzept „School of Re-Assembly“ (SORA) wurde aus den entstandenen Entwürfen ausgewählt, weiterentwickelt und schließlich im Maßstab 1:1 im Rahmen der Projektwoche als realer Prototyp umgesetzt. Das Ziel: eine skalierbare, ressourcenschonende Holzbauweise, die schnelles, flexibles und partizipatives Bauen ermöglicht.
Bildungsbau in der Krise
Der russische Angriffskrieg hat die Infrastruktur der Ukraine tief zerrütett. Davon ganz besonders betroffen sind Bildungseinrichtungen. Tausende Schulen und Kindergärten wurden zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen. In dieser Situation braucht es nicht nur pragmatische Übergangslösungen, sondern vor allem zukunftsfähige Lernräume. Genau hier setzt das Entwurfsstudio „School of Tomorrow“ der beiden Lehrstühle für Architektur und Holzbau sowie für Holzbau und Baukonstruktion an. Der modulare Holzbau sollte dabei nicht nur als nachhaltige Bauweise verstanden werden, sondern auch als gesellschaftliches Werkzeug: mobil, anpassbar, rückbaubar – und geeignet, um gemeinsam mit der ukrainischen Bevölkerung vor Ort zu bauen.
Die interdisziplinären Planungsteams aus Architektur und Bauingenieurwesen entwickelten insgesamt zehn Systeme – mit Fokus auf einfache Konstruktionen, die mit lokalen Ressourcen kompatibel. Die Gebäude sollen nach dem Wiederaufbau der ursprünglichen Bildungseinrichtungen vollständig demontierbar sein und an anderer Stelle erneut eingesetzt werden können.
Vom Konzept zum Prototyp
Eines dieser Konzepte - SORA - wurde im Rahmen der Projektwoche im März 2025 ausgewählt, konkretisiert und von rund 30 Studierenden vom theoretischen Entwurf in einen realen, praxisnahen Prototyp überführt. Im Zentrum stand dabei die Entwicklung und praktische Erprobung von Anschlussdetails, Verbindungspunkten und konstruktiven Fügungen. Die Montageplanung wurde detailliert durchdacht – bis hin zur Transportlogistik der vorgefertigten Module per LKW. Das Ergebnis: Ein vollständiger Prototyp im Maßstab 1:1, der nicht nur die technische Machbarkeit beweisen, sondern auch Rückschlüsse auf Optimierungspotenziale zulassen soll.
Skalierbares Bausystem mit Perspektive
SORA basiert auf einem Holzskelettbau mit Träger-Stützen-System, ergänzt durch standardisierte Wandpaneele. Die Besonderheit liegt im intelligenten Fügeprinzip: Die Wandmodule lassen sich ohne zusätzliche Verbindungsmittel montieren, bestehen aus beplankten Holzrahmen mit integrierter Dämmung und ermöglichen eine formschlüssige Demontage. Die Tragwerksverbindungen – mittels Bolzen und Schlitzblechen – wurden so konzipiert, dass der gesamte Bau zerstörungsfrei abgebaut und an einem neuen Ort wiederaufgebaut werden kann. Trotz seiner temporären Funktion könne so der Entwurf hochwertige Lernräume mit klar gegliederten, flexiblen Zonen schaffen: Klassenzimmern über Gemeinschaftsflächen bis hin zur Mensa.
Laut der leitenden Lehrenden zeigte insbesondere die Projektwoche, dass der Bauprozess selbst zum Lernraum für architektonische Verantwortung, für Zusammenarbeit und für eine neue Kultur des Wiederaufbaus werden kann. Die Perspektive: SORA könnte in Serie gehen.