Bildpolitische Macht als architektonische Behauptung: Entwurfsübung "Speculative Aesthetics"

Vom Sockel zur These: Im Studio UNLEARN II des Atelier Dilan Vural setzten Studierende architektonische Symbole Münchens neu in Szene – als spekulative Untersuchungen zur bildpolitischen Kraft von Architektur. Ein Gastbeitrag aus dem Studio.

Was geschieht, wenn Architektur nicht fragt, ob sie darf, sondern ob sie muss? Und welchen Einfluss hat dabei bildpolitische Macht? Im Studio UNLEARN II unter der Leitung von Dilan Vural an der Technischen Universität München haben wir im Sommersemester 2025 im Rahmen einer Entwurfsübung innerhalb des Seminars untersucht, die genau diese Fragen stellte – präzise, spekulativ und streitbar. Unter dem Titel "The City as a Sockle" nahmen wir sechs ikonografisch aufgeladene Bauwerke Münchens in den Blick. Dabei konservierten wir nicht, sondern griffen ein: entwerfend, hinterfragend, neu deutend. Ziel war dabei nicht der Entwurf im klassischen Sinn, sondern die Formulierung einer architektonischen These – gestützt durch KI, Modell, Zeichnung und diskursiven Austausch.

Im Zentrum unserer Auseinandersetzung stand die Hypothese, dass das Monumentale nicht unangreifbar ist, sondern als Sockel für neue Erzählungen dienen kann. Eine These, die nicht zersetzen, sondern irritieren soll. Eine Geste, die die Aura des Ikonischen stört – und das aus der Notwendigkeit, die gebaute Vergangenheit mit der Zukunft ins Gespräch zu bringen.

Das Bild als Werkzeug der Architekturkritik

Während sich innerhalb der Architekturdisziplin ein Konsens über den Erhalt bestimmter Bauten verfestigt – ob zum LSD-Block, dem Mäusebunker oder den Essohäusern – arbeiten Investor*innen längst mit anderen Maßstäben. Dort, wo Geschmack zur normativen Instanz wird, ersetzt das Bild oftmals das Argument. Hochglanzvisualisierungen deklarieren Altbauten zu Problemen, nicht aus funktionalen, sondern aus ästhetischen Gründen. Nicht Substanz entscheidet, sondern Oberfläche. Der Abriss ist selten technische Notwendigkeit – meist Ausdruck des schlechten Geschmacks der Macht.

Als Teil des Entwurfseminars sollte die Übung Speculative Aesthetics dieser Logik eine Strategie der Gegenbehauptung gegenüberstellen. Die entstandenen Arbeiten sollten nicht überzeugen, sondern irritieren. Sie machten Brüche sichtbar, spielten mit Unsicherheiten, hinterfragten vertraute Lesarten. Modelle und Visualisierungen wurden zu Werkzeugen einer kritischen Auseinandersetzung: Was geschieht mit einer Stadt, wenn ihre Ikonen altern dürfen? Wenn Weiterbauen als Teil ihrer Geschichte verstanden wird – nicht als Angriff, sondern als Verantwortung?

Die Reaktionen auf diese Arbeiten zeigten, wie emotional die Beziehung zwischen Bild, Bauwerk und öffentlicher Wahrnehmung ist. Wer sich über Eingriffe an der Frauenkirche empörte, reagierte nicht nur auf das präsentierte Modell, sondern auf das eigene Verhältnis zu Sakralität, Unverfügbarkeit und Symbolpolitik im Stadtraum.

Entwerfen als diskursiver Akt

Die Arbeitsweise der Übung glich einem mehrschichtigen, iterativen Prozess: Analyse des Bestands, fotografische und zeichnerische Erfassung, KI-generierte Varianten, kuratorische Auswahl, digitale Justierung und schließlich Umsetzung in Modell und Zeichnung. Der KI-Dialog wurde dokumentiert, reflektiert, kritisiert – als Teil eines offenen Entwurfsprozesses, der Intuition mit Argumentation verband.

Dabei war die Methode kein Selbstzweck, sondern Vehikel zur Entfaltung einer These: Dass Architektur immer in kulturellen Einschreibungen operiert, ihre Sprache nicht nur gebaut, sondern auch erzählt, gezeigt und verhandelt werden muss, und dass jede ästhetische Entscheidung ein politischer Akt ist.

In der abschließenden Critical Assembly wurden die Ergebnisse öffentlich diskutiert. Stimmen aus Theorie, Praxis und Lehre sprachen weniger über Geschmack als über Macht, Bilder, die Wahrnehmung steuern und die Notwendigkeit, neue architektonische Kommunikationsformen zu entwickeln, die jenseits der Hochglanzlogik operieren. Die Frage war nicht: Was ist schön? Sondern: Was ist relevant?

Haltung als Methode

Der Stegreif war mehr als eine Übung – er war eine Schule der Haltung. Die Studierenden lernten, dass Architektur nicht nur entworfen und gebaut, sondern auch behauptet werden muss. Dass jede Intervention am Bestehenden ein Gespräch mit Geschichte, Gesellschaft und Gestaltungswille einfordert. Und, dass jedes gute Bild nicht nur etwas zeigt, sondern als Angebot zur Auseinandersetzung gilt.

Was hier entstand, war eine Form architektonischer Kritik mit den Mitteln des Entwurfs – eine Kritik, die das Visuelle nutzt, aber sich der Verführung entzieht. Eine Kritik, die nicht zerstört, sondern verschiebt.

Die daraus entstandenen Erfahrungen mündeten schließlich in die Projektarbeit des Entwurfsseminars: Corpus Habiti – ein leerstehendes Kaufhaus in Augsburg sollte zur strukturellen Grundlage einer neuen Wohnform werden. Wie lässt sich Wohnen in einer Binnenlandschaft des Konsums denken? Wie verankert sich Leben in Räumen, die dafür nie vorgesehen waren?

Speculative Aesthetics bildete schließlich hierfür das Fundament: methodisch, diskursiv, gestalterisch. Die Auseinandersetzung zeigte, dass die Bereitschaft, das Unberührbare zu berühren, kein Stilmittel ist, sondern eine Haltung. Eine, die Architektur nicht als Antwort versteht, sondern als Frage. Damit lässt sich ein Blick verändern - wer den Blick verändert, kann auch das Urteil verschieben.