Poesie und Planung: Bücher über Tageslicht
In diesem #BookChat zeigen fünf Publikationen, wie unterschiedlich Architektur mit der natürlichsten aller Lichtquellen umgehen kann.
Tageslicht ist die allgegenwärtigste Ressource der Architektur – und zugleich eine der schwierigsten zu planenden. Anders als Kunstlicht lässt es sich nicht einfach an- oder ausschalten, dimmen oder normieren. Seine Wirkung verändert sich mit Tageszeit, Jahreszeit und Nutzung. Fünf Publikationen zeigen gerade das Potenzial im Unplanbaren: als Entwurfsaufgabe, als kulturelles Gut und als Grundlage gesunder Räume.
Vom Unmessbaren: Louis I. Kahn
Eine Publikation, zwei Medien, fünf Sprachen: „Louis I. Kahn – Silence and Light“ dokumentiert den Vortrag, den Kahn am 12. Februar 1969 an der ETH Zürich hielt. Herausgeber Alessandro Vassella transkribierte die Rede und legte sie 2013 mehrsprachig vor; begleitet wird sie von handverlesenem Schwarz-Weiß-Bildmaterial.
Wer an die Lichtführung entlang der Tonnengewölbe des Kimbell Art Museum denkt, kennt Kahn als Tageslichtkünstler. Das im Park Books Verlag erschienene Buch liefert jedoch keine gestalterische Anleitung, sondern ein atmosphärisches Erlebnis. Es führt Leser*innen langsam in das damalige Ambiente des Auditorium Maximum ein und macht den Vortrag räumlich erfahrbar.
Kahn spricht über Architektur im Spannungsfeld von Stille und Licht, als Schwelle zwischen Idee, Material und Struktur. Licht versteht er dabei als schöpferische Kraft. Die Entscheidung über Struktur sei immer auch eine Entscheidung über Licht, betont er im letzten Teil der Rede. „Silence and Light“ ist eine zeitlose Lektüre, die die poetische Dimension von Architektur erlebbar macht. Etwas aus der Zeit gefallen wirkt nur die beigelegte CD mit der Tonaufnahme – ein schönes Relikt einer fast überholten Medienepoche.
Licht als soziale und kulturelle Praxis: Anna Heringer, Iwan Baan und Francis Kéré
Je nach Breitengrad wirkt Tageslicht anders: hell und kontrastreich in den Tropen, goldwarm im Süden, kühl und diffus im Norden. Vernakuläre Architektur zeigt deutlich, wie Alltagspraktiken, Materialkulturen und klimatische Bedingungen mit Tageslicht verwoben sind. Zwei Publikationen von Lars Müller Publishers, beide in Zusammenarbeit mit der Zumtobel Group entstanden, beleuchten diese Aspekte.
In „Light – the Natural Force that Makes Things Visible / die natürliche Kraft, die Dinge sichtbar macht“ interpretiert Anna Heringer Licht als Materie – allerdings nicht im baulichen Sinn. Sie verfolgt die Frage, was Licht sichtbar macht: Handwerk, Prozesse, Arbeit, Benachteiligung oder Schönheit.
Wer eine klassische Monografie erwartet, wird überrascht. Eigene wenige Projekte aus Bangladesch, Ghana oder Österreich stehen den textilen Arbeiten der frauengeführten Initiative „Dipdii Textiles“ gegenüber. Heringers Überlegungen verweben sich mit Bildstrecken, in denen die Farbigkeit von Textilien und die weichen Kanten organischer Lehmwände in Beziehung treten. Das 2025 erschienene, zweisprachige Buch präsentiert Kunst und Architektur nicht als Folklore, sondern als Ausdruck sozialer Praxis – und als Metapher für Hoffnung.
Auch der Bildband „Momentum of Light“ von Iwan Baan und Francis Kéré widmet sich der kulturellen Bedeutung von Tageslicht. In Burkina Faso, Kérés Heimat, untersuchten der Fotograf und der Pritzker-Preisträger die Wechselwirkung zwischen Sonnenlauf, Alltagsaktivitäten und lokaler Baukultur.
Das Buch selbst wird durch seine Herstellungstechnik zu einem haptischen und visuellen Erlebnis: Dunkle Innenräume und Nachtaufnahmen erscheinen auf schwarzem Papier, während Außenansichten auf weißen Seiten gedruckt sind. So betont die Publikation, dass Tageslicht vor allem im Kontrast wirkt: zwischen Innerem und Äußerem, Arbeit und Ruhe, Körper und Raum.
Planen mit System: Ulrike Brandi und Christian Bartenbach
Wissenschaftlich und anwendungsorientiert ergänzt der Birkhäuser Verlag sein Handbuchportfolio mit zwei Titeln über die Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen der Lichtplanung.
„Light, Nature, Architecture“ von Ulrike Brandi bündelt die Erfahrungen der international tätigen Lichtplanerin zu einer Systematik ganzheitlicher Lichtgestaltung. Natürliche Lichtphänomene werden mit realisierten Projekten verknüpft, darunter öffentliche Räume, Verkehrsbauten und Kulturbauten.
Die Stärke des Buches liegt in der Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus Physik, Biologie und Psychologie in konkrete Planungsfragen. Besonderes Augenmerk legt Brandi auf die Wirkung von Licht auf den Menschen: Wie verändert Licht Konzentration? Wann wird Helligkeit zur Belastung? Warum ist der Tag-Nacht-Rhythmus eine architektonische Aufgabe? Eine Sammlung von Zitaten – von Marcus Aurelius bis Yoko Ono – unterstreicht die Allgegenwart des Lichts. Gerade für Studierende ist das handliche Buch, das 2023 in deutscher und englischer Ausgabe erschien, eine wertvolle Ressource.
Das Schwergewicht dieser Auswahl: Christian Bartenbachs „Licht. Meine Erkenntnisse“. Der Gründer des gleichnamigen österreichischen Lichtplanungs- und Forschungsbüros dokumentiert darin sein Lebenswerk: physikalische Grundlagen, gesundheitliche Zusammenhänge, Tageslichtsysteme und Kunstlichtlösungen.
2021 erschienen, umfasst das Buch 464 Seiten mit zahlreichen Skizzen, Tabellen, Abbildungen und Details zu technischen wie baulichen Zusammenhängen – ergänzt durch Anwendungsbeispiele. Hervorzuheben ist das Kapitel zu Oberlichtsystemen, in dem Bartenbach die Eigenheiten einzelner Lösungen wie Tageslichtrohr, prismatisches oder reflektorisches Oberlicht erläutert. Wo Brandi einen zugänglichen Einstieg bietet, liefert Bartenbach die Tiefe eines Nachschlagewerks, das in der Bibliothek einer Planer*in nicht fehlen sollte.
Zwischen Energieeffizienz und Atmosphäre, Technik und Kultur deckt Tageslicht ein breites architektonisches Spektrum ab. Alle fünf Bücher verbindet eine Haltung: Licht ist ein fundamentales architektonisches Material.