Auto abgestellt? Vier Publikationen zu Pkw und Parkraum
Es formt öffentliche Räume, verschlingt Flächen und prägt dadurch ganze Stadtbilder: das Kfz. Vier Titel, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Verhältnis von Automobil und Stadtraum beschäftigen, stellen wir euch in diesem #BookChat vor.
Erst brachte es die Stadt in Bewegung, dann brachte es sie zum Stehen: das Auto. Als Objekt hat es viele Architekt*innen lange fasziniert, ein glänzendes Versprechen von Geschwindigkeit. Dafür entstanden regelrechte Paläste der Automobilkultur; andernorts, etwa in Garagenhöfen, entwickelte sich eine ganze Alltagskultur. Geparkt beansprucht es jedoch genau dort am meisten Fläche, wo sie am knappsten ist.
Neu verhandelt wird das vor allem in den Innenstädten. Während das Auto in ländlichen Gegenden weitgehend unverzichtbar bleibt, kippt die Rechnung in verdichteten Lagen. Im urbanen Raum machen Kommunen das Parken am Straßenrand immer teurer oder streichen es ganz, bauen Fahrspuren zurück und geben den gewonnenen Raum an Rad- und Fußverkehr oder an multimodale Knotenpunkte weiter. Zentrale Parkbauten verlieren an Auslastung, und auch die Tankstelle steht mit dem in weiten Teilen angestrebten Ende fossiler Mobilität zur Disposition. Was dabei frei wird oder dringend werden sollte, ist kein Randthema der Stadtplanung, sondern eine Bauaufgabe. Vier Bücher nähern sich dem Auto und seinem Parkraum in ganz unterschiedlichen Maßstäben.
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Rethinking Obsolete Typologies
Und was passiert dann nun mit den Bauten für Autos, wenn sich ihr Zweck auflöst? Anamarija Batista (Mozarteum University, Salzburg) und Julia Siedle (Hochschule Biberach) legen einen Katalog jener Typologien vor, die vom Wandel von Mobilität, Arbeit und Handel unter Druck gesetzt werden. Dabei plädieren sie statt für Ersatz für eine räumliche Kontinuität. Für unser Thema zentral: die Kapitel zu Parkbauten und Tankstellen. Jedem Typus im Buch geht eine Tabelle voraus, die unter anderem Obsoleszenzrisiken, bauliche Merkmale und Transformationspotenziale sortiert. Schematische Diagramme etwa zu lichten Höhen von zwei Metern, Rampensystemen oder Gebäudetiefen jenseits der 30 Meter machen plausibel, warum beispielsweise Wohnen im Parkhaus konstruktiv so heikel bleibt.
Dass der Hamburger Gröninger Hof trotz Vorbildstatus an chloridgeschädigter Bewehrung scheiterte, steht neben gelungenen Umbauten wie dem Parkhaus Stubengasse in Münster. Bei Tankstellen tritt neben die Altlastenfrage ein überraschendes Argument: ihr Wert als Landmarke und Treffpunkt, wie ein Beispiel in Berlin-Schöneberg zeigt. Neben detaillierten Axonometrien und analytischen Zeichnungen ergänzt ein Gespräch mit dem Fotografen Wolfgang Thaler den Band um eine dokumentarische Ebene.
Traffic Space is Public Space
Zwischen den Gebäuden beginnt das nächste Buch. Stefan Bendiks und Aglaée Degros gehen von einem Postulat aus: Verkehrsräume sind öffentliche Räume. Das scheint die Verkehrsplanung gegenüber der Stadtplanung aber irgendwie vergessen zu haben. Ihre Publikation formuliert deshalb keine Regeln, sondern sechs „Tricks“ im Sinne der griechischen Metis. Vorbild ist der so genannte „Fosbury-Flop“: die eigene Disziplin so gut beherrschen, dass ein einziger Kunstgriff ihr Regelsystem kippt. Verknüpfen, Beteiligung, lokale Ökonomie, Teilen von Raum, Metabolismus und eine einfache Ästhetik heißen die Kategorien, unterlegt mit Maßnahmen wie dem Flexparking, bei dem Schulstellplätze tagsüber Rädern und nachts Anrainerautos dienen.
Im Portfolioteil führt eines von drei eigenen Projekten dies vor: Wo im Leuvener Park Belle-Vue Pendelnde gratis parkten, liegt der Durchgangsverkehr heute halb versenkt im Bahndamm. Anwohnende, die den darüber liegenden Radschnellweg zunächst bekämpften, erreichen ihn nun direkt vom Garten aus. Ein Handbuch, das Verkehrsplanung als Entwurfs- und Aushandlungsaufgabe begreift.
Das Garagenmanifest
Wie viel Alltagskultur in reinen Abstellbauten steckt, zeigt ein Blick nach Ostdeutschland. Jens Casper und Luise Rellensmann widmen sich in dieser Publikation der DDR-Garage, die zwischen Schrauberei, Werkzeugtausch und Feierabendbier zum Ort gelebter Nachbarschaft wurde. Obwohl das Interesse an der Planungsgeschichte der DDR wächst, ist diese Typologie bislang durch das architektur- und denkmalpflegerische Raster gefallen.
Aus einem interdisziplinären Seminar an der BTU Cottbus sind neun Fallstudien entstanden. Die Anlagen sind bewusst zufällig ausgewählt und nicht nach ihrer Ausnahmequalität. Sie rekonstruieren Typenentwürfe, Bauabschnitte und die Selbstorganisation in Garagengemeinschaften, ergänzt um Archivfunde. Zeichnungen und Lagepläne legen städtebauliche Zusammenhänge offen, Fotos halten Atmosphären fest. Des Weiteren zeigt ein Bildessay von Martin Maleschka die konstruktive Vielfalt der Anlagen über Cottbus hinaus. Der Essay „Making Heritage“ verschiebt die Frage schließlich vom Objekt zum Kanon: Denkmale sind gemacht. Unterschutzstellung fordern die Herausgebenden gerade nicht – vor selbstbestimmter Aneignung müssen diese Bauten nicht geschützt werden.
Automobil und Architektur
Woher dieser „Flächenhunger“ stamme und wie tief das Auto in Entwürfe hineinreicht, die mit ihm nichts zu tun haben, erzählt Erik Wegerhoff, Dozent für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich. Sein Buch ist wie ein Fahrvorgang gegliedert. „Beschleunigen“ gilt der Faszination der Zwischenkriegszeit: der Geraden als Form der Geschwindigkeit, Le Corbusiers Begeisterung für Rennwagen, geschwungenen Fassaden, die den Verkehr als Strom auffassen.
„Schalten“ nimmt anschließend das Oxymoron „ruhender Verkehr“ beim Wort. Aus einem theoretischen Problem der Vorkriegszeit wird nach 1945 eine Flächenfrage, die die ADAC Motorwelt offensiv besetzt und die bis hin zur Aufforderung geht, Mauern und Bäume für Stellplätze zu beseitigen. In „Abbremsen“ legt Architektur dem Auto Widerstände in den Weg, von der Spielstraße bis zur Therme am Ende einer Sackgasse. Das Schlusskapitel heißt folgerichtig „Aussteigen“: Die Beziehung sei beendet und damit reif für die Geschichte. Reich historisch bebildert liest sich der Band weniger als Abrechnung denn als letzte Hommage zum Abschied.