Wiener Moderne neu gelesen: Das Studio Vienna Material Stories
Was, wenn nicht der Raum, sondern das Material im Zentrum der Architektur steht? Studierende erzählten die gebaute Moderne Wiens anhand ihrer Baustoffe – Geschichten von technologischen Innovationen, kolonialen Handelsströmen, sozialen Auswirkungen und ökologischen Spuren.
Moderne Architektur wird meist über Raum beschrieben – über Formen, Proportionen, Strukturen und Anordnungen. Das Studio Vienna (Material) Stories unter der Leitung von Cornelia Escher und Lars Fischer hat diesen Blick bewusst verschoben: Statt Räume standen Materialien im Fokus. Den Ausgangspunkt bildete die Frage, welche Geschichten Werkstoffe über architektonische Haltungen, Baupraktiken und globale Verflechtungen erzählen. Studierende der Akademie der bildenden Künste Wien untersuchten anhand ausgewählter Wiener Gebäude von 1890 bis 1930, wie neue Materialien die Moderne prägten, wie Werkstoffe aus kolonialen Kontexten in Wiener Innenräumen zu Statussymbolen wurden und welche unsichtbaren ökologischen Folgen damit einhergingen.
Historic Deep Dive
Das Studio wurde von einem Forschungsseminar begleitet, in dem die Studierenden Kunstausstellungen, Produktionsstätten, Materialsammlungen und modernistische Gebäude besuchten. Nach intensiver Recherche historischer Beispiele betrachteten sie die Bauten im Licht heutiger Transformationsprozesse und Debatten neu. Die Verbindung von theoretischer Forschung, multimedialer Aufbereitung und räumlicher Erkundung eröffnete andere Perspektiven: Die Untersuchung der historischen Verflechtung eines Materials offenbarte seine soziale Einbettung in das architektonische Gefüge. So wurde Materialität nicht nur über physikalische Eigenschaften und Erscheinungsbilder greifbar, sondern auch über ihre verborgenen Dimensionen.
Material mit Haltung
Im Studio war es entscheidend, eine Haltung einzunehmen – sowohl konzeptionell als auch ästhetisch. Die Studierenden erprobten verschiedene Präsentationsformen. Die Ergebnisse präsentierten sich dabei so unterschiedlich wie die Ansätze: Während einige die Geschichte des Asbests erforschten und die verborgene Gefahr des Materials anhand eines Theaterstücks visualisierten, betonten andere die Schönheit des Fehlerhaften. Inspiriert von der japanischen Kintsugi-Technik reparierten sie gesprungene Granitfliesen mit recycelten Keramikfragmenten und Silikon, um auf die oft beschädigten Oberflächen des Wiener U-Bahn-Systems aufmerksam zu machen.
Zwischen Tropenholz und Marmorplatten
Okoumé-Holz steht für koloniale Ausbeutung und zugleich für die nationale Identität Gabuns. Eine Studentin untersuchte die Restaurierung der Okoumé-Paneele im Moller-Haus von Adolf Loos und erprobte Möglichkeiten, Tropenholzfurniere zu recyceln, während sie deren koloniale und ökologische Dimensionen kritisch reflektierte. Ein anderes Projekt griff in Otto Wagners mit Carrara-Marmor verkleidete Kirche am Steinhof ein. Mit wiederverwendetem Marmor machte es die beschwerliche Reise des Gesteins von Carrara nach Wien sichtbar und rückte die Arbeit im Steinbruch in den Fokus der Baugeschichte.
Materialität neu denken
Das Studio mündete in einer kollektiven Ausstellung, die neue theoretische, ästhetische und konstruktive Zugänge zur Materialität präsentierte. Die Projekte hinterfragten die Idee einer „reinen“ Materialität und legten ihre komplexen Dimensionen frei. Durch das Verschieben modernistischer Vorstellungen zeigte die Ausstellung, wie Architektur Macht, Produktion und verborgene Landschaften widerspiegelt, und wie sich daraus eine alternative Praxis entwickeln lässt, die auf Fürsorge, Reparatur und kritischer Reflexion basiert.