Weniger Dämmung, mehr Wirkung? Das Forschungsprojekt Einfach Um-Bauen
Wie ließe sich der Nachkriegsbestand mit effektiven und unkompliziert umsetzbaren Maßnahmen energetisch aufwerten? Spoiler: Am ehesten dann, wenn man es einfach hält.
Mit dem Projekt „Einfach Bauen“ und den drei Forschungshäusern in Bad Aibling legte das Team um Prof. Florian Nagler an der TU München 2016 die Grundlagen für ein vereinfachtes, technikreduziertes Bauen, aus dem später der gesetzliche Rahmen des „Gebäudetyp E" hervorging – mit Fokus auf den Neubau. Ein Großteil des künftigen Bauaufkommens betrifft jedoch den Bestand und dessen energetische Weiterentwicklung. Genau hier setzte das im Oktober 2025 abgeschlossene Folgeprojekt „Einfach Um-Bauen“ an, eine Kooperation der TU München und Hochschule Bochum.
CO₂ senken, ohne die Miete zu erhöhen?
Ziel der Untersuchung war es, die maßgeblichen Kriterien für die energetische Sanierung von Geschosswohnungsbauten der Nachkriegszeit zu definieren – kostengünstig, materialsparend und mit möglichst geringem technischem Aufwand. Der Einfach-Umbauen-Ansatz sollte dabei Alternativen zum gesetzlichen Standard des Effizienzhauses 55 aufzeigen, das nach einer Modernisierung von Gebäudehülle und Technik nur 55 Prozent der Energie eines vergleichbaren Neubaus verbraucht.
Statt sich nur auf den Energieverbrauch im Betrieb zu fokussieren, bewerteten die Forschenden Investitionskosten, graue Energie, Klimabilanz und tatsächliche Energieeinsparungen über den Lebenszyklus hinweg – anhand konkreter Beispiele. Ein besonderes Augenmerk galt dem Nutzer*innenverhalten und der daraus resultierenden Performance Gap, also der Differenz zwischen berechnetem und realem Energieverbrauch. Denn nicht jede Maßnahme, die auf dem Papier überzeugt, funktioniert in der Praxis.
München: vier Epochen, vier Repräsentanten
Auf der Suche nach geeigneten Fallstudien analysierte das Forschungsteam den unsanierten Bestand der Wohnungsbaugesellschaft Münchner Wohnen GmbH. Schließlich wählten sie vier Gebäude aus – vom mehrgeschossigen Zeilenbau bis zum Punkthochhaus. Sie stehen exemplarisch für unterschiedliche Baualtersklassen und gesetzliche Rahmenbedingungen, vom Ersten Wohnungsbaugesetz der 1950er-Jahre bis zur Wärmeschutzverordnung der 1980er.
Welche Auswirkungen haben die Dämmung von Keller- oder obersten Geschossdecken, die Dämmung der Außenwände oder ein Glas- oder Fenstertausch? Was bringt der Wechsel des Wärmeerzeugers – etwa auf Gas, Fernwärme, Wärmepumpe oder Pellets? Für jedes Gebäude simulierten die Forschenden Sanierungsszenarien, von minimalinvasiven und kombinierten Eingriffen bis zum Effizienzhaus-55-Standard.
Hohe Dämmstandards widerlegt
Die Auswertung zeigte ein klares Muster: Reduzierte, differenzierte Eingriffstiefen erzielen häufig bessere Ergebnisse als umfassende Hochleistungssanierungen. Je älter ein Gebäude und je schlechter sein energetischer Ausgangszustand, desto größer ist das Potenzial für kosteneffiziente, emissionsarme Maßnahmen. Tiefgreifende Komplettsanierungen hingegen überfordern Mieter*innen wie Wohnungsunternehmen wirtschaftlich und sozial. Das Nutzer*innenverhalten, sichtbar in der Abweichung zwischen berechneter und gemessener Energie, bleibt ein Schlüsselfaktor. Den größten Einfluss auf die CO₂-Bilanz hat der Wechsel des Energieträgers, während der Effizienzhaus-55-Standard häufig die höchsten Kosten pro vermiedener Tonne Treibhausgas hervorruft.
Einfach Umbauen als Pilotprojekt und in der Lehre
Das TU-München-Team führte die Forschung in Lehre und Praxis weiter. In Heidelberg prüften sie gemeinsam mit dem kommunalen Wohnungsunternehmen GGH an sieben baugleichen Mehrfamilienhäusern, wie sich unterschiedliche Sanierungsstrategien tatsächlich auf Energieverbrauch, CO₂-Bilanz und Mietkosten auswirken. Das Pilotprojekt machte die Diskrepanz zwischen Annahmen und Realität deutlich – etwa wenn Balkone aus statischen Gründen doch nicht entfernt werden können oder die Dämmung der Kellerdecke mehr Aufwand als erwartet verursacht.
Seit 2023 ist das Thema zudem fest in der Lehre am Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren verankert. Mehrere Abschlussarbeiten haben die Einfach-Umbauen-Methode exemplarisch auf Bestandsbauten unterschiedlicher Typologien in München angewendet und weiterentwickelt – ein praxisnaher Ansatz, der Studierende dazu anhält, sich auf minimale, präzise und wirkungsvolle Eingriffe zu konzentrieren.
Einfachheit als Tugend
Die Einfach-Umbauen-Methode setzt auf maßgeschneiderte Maßnahmen statt auf pauschale Sanierungen nach EH55-Standard. So ließe sich der Nachkriegsbestand mit weniger Kosten und gleichem CO₂-Einsparpotenzial aufwerten. „Altbauten zeigen, dass Einfachheit kein Mangel, sondern ein Vorteil ist. Wer sanieren möchte, sollte diese Qualität erhalten“, schreiben die Herausgeber*innen des Leitfadens „Einfach Umbauen“, der dieses Jahr im Birkhäuser Verlag erscheint. Wie bereits in den Publikationen „Einfach Bauen“ I und II bereiten sie die Forschungsergebnisse anschaulich und praxisnah auf – als solides Argument für eine Sanierungsoffensive, die auf Einfachheit setzt.