Wald, Wasser, Zukunft: DesignBuild im Waldlabor

Studierende untersuchten, wie Wasser den öffentlichen Raum in Schweizer Wäldern prägt. Durch Beobachtung und Zeichnung entstanden Interventionen, die Wald und Gesellschaft neu miteinander in Beziehung setzen.

Wasser fließt, versickert, verdunstet – und gestaltet. In Schweizer Wäldern ist es nicht nur Lebensquelle, sondern auch ein sensibles Maß für den Klimawandel. Mit dem Studio Water Behaviorology erforschten Bachelor-Studierende der ETH Zürich im Frühjahrssemester 2025, wie Wasser den öffentlichen Raum formt und wie Architektur darauf reagieren kann.

Das Projekt entstand unter der Leitung von Prof. Momoyo Kaijima am Chair of Architectural Behaviorology in Zusammenarbeit mit dem Waldlabor Zürich, dem WSL (Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft) und weiteren Partnern. Das Waldlabor – ein gemeinsamer Forschungsraum von ETH Zürich, der Stadt und dem Kanton Zürich – nahe dem ETH-Campus Hönggerberg dient als Experimentierfeld für die Zukunft des Schweizer Waldes: ein Ort, an dem untersucht wird, wie sich Ökosysteme, Wasserhaushalte und Forstwirtschaft an den Klimawandel anpassen können.

Architektonische Verhaltensforschung

Die Studierenden entwickelten zwölf Interventionen im Maßstab 1:1, die Wasser sichtbar, hörbar und spürbar machen. Begleitet von Expert*innen aus Hydrologie, Biologie, Soziologie, Landschaftsarchitektur und Handwerk lernten sie, über disziplinäre Grenzen hinauszudenken. Architektur wurde nicht als isoliertes Objekt verstanden, sondern als Teil eines Netzwerks von Beziehungen zwischen Menschen, Materialien, Pflanzen, Tieren – und eben Wasser. Diese Denkweise beruht auf der Methodik der Architectural Behaviorology, die am gleichnamigen Lehrstuhl gelehrt wird. Sie betrachtet Architektur als dynamisches Geflecht von Akteur*innen und Verhaltensweisen. In diesem Kontext wird der Wald selbst zum aktiven Mitgestalter, der Wasser, Licht und Zeit in die architektonische Praxis einbindet.

Zwischen Wurzeln, Quellen und Lichtungen

Die Entwürfe entstanden in einem Prozess des langsamen Lernens: wiederholtes Beobachten, Abbilden, Bauen und Testen im Maßstab 1:1. Eine zentrale Rolle spielte dabei das händische Zeichnen. Durch detaillierte, sorgfältig ausgeführte Analysen und Skizzen erschlossen die Teilnehmenden die räumlichen, atmosphärischen und ökologischen Qualitäten des Waldes. Dieses iterative Vorgehen förderte eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Ort, Material und Klima. Anstatt abstrakte Lösungen zu entwerfen, reagierten die Studierenden auf reale Bedingungen – auf das Rauschen des Wassers, den Geruch des feuchten Bodens, die Spuren von Regen und Trockenheit. So wurden die Interventionen zu räumlichen Übersetzungen klimatischer Phänomene. Sie machten sichtbar, was sonst unbemerkt bleibt, und luden die Öffentlichkeit zum Verweilen und Nachdenken ein. Über den Sommer blieben die zwölf Bauten im Wald stehen – als Orte der Begegnung, Forschung und Erfahrung.

Geschärfte Sinne

Die Resultate dieser Auseinandersetzung sind ebenso poetisch wie präzise. Ein Team entwarf „The Island of Sound“, eine Plattform über einem unterirdischen Wassertank. Durch Resonanzkörper werden die leisen Klänge des Wassers verstärkt, wodurch das Unsichtbare sinnlich erfahrbar wird. Ein anderes Projekt, „Parasite“, hängt als hölzerne Plattform unter einer bestehenden Brücke. Es macht verborgene Wasserläufe zugänglich und eröffnet neue Perspektiven auf Fluss, Strömung und Umgebung.

Maßstäbe setzen

Begleitet wurden die Entwürfe von zahlreichen externen Fachleuten sowie Gastkritiker*innen. Ihre Perspektiven aus Wissenschaft, Handwerk und Kunst öffneten neue Blickwinkel auf das Zusammenspiel von Natur und Gestaltung. Somit steht am Ende nicht nur ein Semesterprojekt, sondern ein Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte: Wie kann Architektur auf den Klimawandel reagieren, ohne sich von der Natur zu distanzieren? Water Behaviorology gibt darauf eine experimentelle, sinnliche Antwort – und zeigt, dass Lernen im Maßstab 1:1 auch immer ein Lernen im Maßstab der gemeinsamen Umwelt ist.