Villa weiterbauen: Studio „Building Upon Villa“

Vom Grundriss bis zum Briefkasten: Ein Erstsemesterstudio in Siegen testete den Umbau einer Villa und zeigte, wie sich der Typus neu programmieren lässt.

Die klassische Villa gilt als architektonisches Statussymbol, doch als Wohnmodell wirkt sie oft überholt. Im Wintersemester 2024/25 stellte das Erstsemesterstudio „Building Upon Villa“ an der Universität Siegen diese Sichtweise auf den Prüfstand. Unter der Leitung der Vertretungsprofessur Amelie Bimberg und Jantje Engels untersuchten die Studierenden die Villa als wandelbares Bauwerk. Sie griffen auf bekannte Referenzvillen von Architekten wie Karl Friedrich Schinkel, Andrea Palladio, Adolf Loos oder OMA zurück, entwickelten daraus neue Wohnformen, verdichteten die Strukturen und ergänzten Erschließungen. Das Ergebnis: eine fundierte, zugleich humorvolle Auseinandersetzung mit dem Typus Villa. 

Post für Palladio

In der ersten Phase analysierten die Studierenden die Struktur der Villen: Palladios zentrale Symmetrie, Schinkels klare Blickachsen oder OMAs vertikale Stapelungen. Dafür bauten sie großmaßstäbliche Schnittmodelle und untersuchten daran Materialität und Farbwirkung.

Ergänzend entwarf jede Gruppe einen funktionsfähigen Briefkasten im Maßstab 1:1 für ihr Referenzgebäude. Proportion, Material und Form sollten dabei den Charakter des Hauses aufnehmen und weiterinterpretieren. Zudem diente der Briefkasten als konkretes Entwurfswerkzeug für das Thema Zugang: Wo liegt der Eingang? Wie zeigt sich das Gebäude zur Straße? Braucht es eine Adresse?

Klassiker, neu erschlossen

Nach der ersten Übung wechselten die Teams ihre Referenzvillen. Jede Gruppe erhielt ein neues, unbekanntes Gebäude und erstellte dafür einen eigenen Plansatz. Darauf aufbauend entwarfen die Studierenden eine zusätzliche Erschließung zwischen zwei Ebenen – etwa als Treppe, Rampe, Leiter oder sogar als Rutsche. Der Eingriff musste räumlich und typologisch stimmig sein: innen, außen angedockt oder als gezielter Schnitt durch das Volumen. In Buntstift-Axonometrien verorteten die Teams die neuen Wege im Bestand. Dabei entstanden spielerische Varianten, die die Logik der Häuser bewusst auf die Probe stellten.

Typologie bei Tisch

In der nächsten Übung rückten Materialität und Details in den Fokus. Die Gruppen überarbeiteten ihre bisherigen Zeichnungen in einem Workshop mit Übermalungen. Mit Buntstift-Schraffuren ergänzten sie Böden, Oberflächen, Stoffe, Farben und Einbauten. Selbst Besteck und Tischkanten wurden typologisch durchdacht: Jede Gruppe entwarf zwei Festtafeln, die auf den Stil ihrer Villa reagierten. Die gedeckten Tische sollten dabei den Charakter des jeweiligen Hauses widerspiegeln. 

Neue Programme im alten Volumen

Im abschließenden Kurzentwurf arbeiteten die Studierenden direkt am Bestand und entwickelten eigenständige Umbaukonzepte für ihre Villen. Jede Gruppe ergänzte eine zusätzliche Wohneinheit, die zu mindestens 75 Prozent im vorhandenen Gebäude untergebracht war. Gefordert waren Schlaf-, Koch- und Badbereiche, ein direkter Außenbezug und ein gemeinsamer Wohnraum an der Schnittstelle. Die Gruppen nutzten dafür unterschiedliche Strategien: Einige stapelten Programme neu, andere verschränkten Alt und Neu über gemeinsame Zonen oder zusätzliche Zugänge. So machten die Entwürfe die Bauwerke Schritt für Schritt flexibler. Kurz gesagt: Der Villentyp erwies sich als erstaunlich robust. Die Ergebnisse widerlegen die Vorstellung der Villa als unantastbares Einzelhaus. Der Typus hält mehr aus als gedacht.