„Überbau“: Von prekären Produktionsverhältnissen in der Architektur

„Kein Haus, keine Stadt, kein Land existiert losgelöst vom Netzwerk aus Materialien, Menschen, Konzernen und politischen Systemen.“, schreibt Dr. phil. Alexander Stumm in der Einleitung der Essaysammlung „Überbau. Produktionsverhältnisse der Architektur im Anthropozän“, die er gemeinsam mit Victor Lortie herausgegeben hat. Die Autor*innen der insgesamt siebzehn Beiträge analysieren, unter welchen Verhältnissen im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts Architektur geschaffen wird.

Technische Universität Berlin

np | 27.09.2022

Unter dem Begriff Anthropozän versteht man ein Zeitalter, in dem der Mensch einen der wichtigsten Einflussfaktoren auf das Erdsystem darstellt. Die neue Epoche habe sich aus den Folgen des seit dem 16. Jahrhundert andauernden Kolonialismus, der im 18. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung und der sogenannten „Großen Beschleunigung“ menschlicher Aktivtät über sämtliche Bereiche hinweg, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist, zusammengesetzt, so Dr. phil. Alexander Stumm, Mitherausgeber des Buches „Überbau. Produktionsverhältnisse der Architektur im Anthropozän“. Menschliche Spuren schreiben sich im Anthropozän in kürzester Zeit tief in die Landschaften ein und verändern diese grundlegend. Im Fokus der Publikation stehen mehrere solcher Landschaften im Globalen Süden, die für die Produktion von Architektur relevant sind. In den Essays werden unter anderem neokoloniale Praktiken der Ressourcenausbeutung, rassistische Behandlung von Arbeitsmigrant*innen auf Baustellen, patriarchale Bürostrukturen und spätkapitalistische Eigenlogiken von Lieferketten beleuchtet. Die Beiträge bauen auf dem Seminar „Produktionsverhältnisse der Architektur“ auf, das im Wintersemester 2020/21 am Fachgebiet Architekturtheorie von Prof. Dr.-Ing. Jörg H. Gleiter an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) stattgefunden hat. Die behandelten Themen wie Extraktivismus, Zementindustrie, Arbeitsbedingungen, Rassismus, Postkolonialismus und Globale Gerechtigkeit verfolgt Alexander Stumm in seinen folgenden Seminaren weiter. Die Publikation dient dabei oftmals als Referenz und Grundlage für seine Lehrveranstaltungen.

Extraktion, Arbeit, Infrastruktur

Das Buch umfasst insgesamt drei Kapitel mit fünf bis sieben Beiträgen. Pro Kapitel gibt es einen Visual Essay, in dem das jeweilige Thema in Bildsprache übersetzt wird. Im ersten Kapitel „Extraktion“ gehen die Autor*innen der Frage nach, unter welchen Bedingungen Rohstoffe wie Zement, Sand, Beton und Lithium gewonnen werden. Auf eine Einführung von Dr. Kim Förster von der University of Manchester folgen Essays über den Bergbau und die Zementproduktion im Kendeng-Gebirge in Zentraljava und in den Gebirgszügen um die nordvietnamesische Stadt Ninh Bình, über die ökologischen und sozioökonomischen Folgen des Sandabbaus im Mekongdelta sowie über den Lithiumabbau in der Salar de Uyuni in Bolivien. Außerdem werden in diesem ersten Teil Kontinuitäten ungleicher Machtbeziehungen in Südafrika und Beton als Baumaterial des Anthropozäns beleuchtet.

An ein Plädoyer für ein radikales Neudenken von Architekturarbeit von Angelika Hinterbrandner, das das zweite Kapitel „Arbeit“ einleitet, schließt ein Beitrag an, in dem die Geschichte eines rumänischen Wanderarbeiters erzählt wird, der beim Bau eines Berliner Einkaufszentrums um seinen Lohn geprellt wurde. Außerdem werden die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar aufgezeigt. In einem weiteren Artikel wird das problematische Selbstbild von Architekt*innen vor dem Hintergrund immer prekärer werdender Arbeitsbedingungen nachgezeichnet.

Dr. Elke Beyer von der TU Berlin und Dr. Anke Hagemann von der Brandenburgischen-Technischen Universität Cottbus-Senftenberg geben im dritten Kapitel „Infrastruktur“ eine kurze Definition von Lieferketten. Daran knüfpt ein Essay, der die Auswirkungen der Wertschöpfungskette auf die Globalisierung behandelt, an. Eine Abhandlung über den Infrastrukturbegriff und ein Beitrag über die historische Entwicklung des Inselstaates Singapur zu einem transnationalen Archipel schließen das dritte Kapitel ab.