Stampfen für die Geschichte: Praxisworkshop Stampflehmboden
Ende Mai stampften Studierende in einem Reutlinger Museum einen neuen Lehmboden, der die mittelalterliche Bausubstanz des Kellers wieder erlebbar macht.
Im Mai 2025 legten Studierende der Hochschule für Technik Stuttgart (HFT) im Untergeschoss des Museums Historische Oberamteistraße einen neuen Stampflehmboden an. Philipp Stute (wulf architekten), Melissa Acker (HFT) und das Team des Lehmbaubetriebs Monolut leiteten die Arbeiten. Das Wahlfach „Praxisworkshop Stampflehmboden“ entstand in enger Zusammenarbeit mit wulf architekten, dem Unternehmen conluto und der Stadt Reutlingen. Das Ergebnis: eine von 15 auf 9 Zentimeter verdichtete Lehmschicht, die den historischen Boden ergänzt und den Sanierungsprozess des Museums voranbringt.
Ausgangssituation: Sanierung im historischen Bestand
Seit 2018 planen wulf architekten die Sanierung der Oberamteistraße 28–34, einem der ältesten Fachwerkensembles Süddeutschlands. Die Gebäude aus dem 12. und 13. Jahrhundert spiegeln über sieben Jahrhunderte städtische Wohnformen wider und wurden Anfang 2025 von dem Architekturbüro denkmalgerecht instand gesetzt. Ein Neubau ersetzt das verlorene „Steinerne Haus“ und ergänzt die Zeile: Er sichert die Statik und ermöglicht barrierefreie Zugänge. Ein hölzernes Fachwerk rekonstruiert das historische Volumen, während eine Biberschwanz-Hülle aus Gussglas das Tragwerk je nach Lichteinfall durchscheinen lässt.
Einführung in Prozess und Material
Im März bereiteten sich die Studierenden auf die Baustelle vor. Projektleiter Stephan Burger führte durch den Bauablauf in Reutlingen und erläuterte die Eingriffe im Bestand. Außerdem besichtigten sie die Bischofsgrablege in der Sülchenkirche, die ebenfalls mit Stampflehm ausgeführt ist. Beim anschließenden Vortragsabend vertieften Expert*innen das Materialwissen: Jörg Meyer (conluto) präsentierte unterschiedliche Lehmbaustoffe, Lennart Sswat (Monolut) erklärte die Grundlagen des Stampfens, und Melissa Acker, akademische Mitarbeiterin an der Hochschule für Technik Stuttgart, sprach unter dem Titel „Lehm verbindet“ über die Vorteile von des Baustoffs für partizipative Workshops in gemeinwohlorientierten Projekten. Melissa Ackers Materialexpertise bewährte sich bereits in zahlreichen Lehrveranstaltungen, etwa beim Modellbau aus Myzel, bei Möbelentwürfen aus Linoleum oder beim Experimentieren mit bioregionalen Baustoffen.
Drei Tage Stampfen
Im Workshop Stampflehmboden (26.–28.5.2025) schließen die Studierenden direkt an den historischen Kellerboden an und arbeiteten mit einem Material, das im Museumsbetrieb klare Vorteile hat: Lehm reguliert Feuchtigkeit, neutralisiert Gerüche und stabilisiert das Klima im erdberührten Raum. Die Gruppe brachte den Lehm auf, verteilte ihn lagenweise und verdichtete ihn von 15 auf 9 Zentimeter – erst händisch, dann mit Schutzhausschuhen und Stampfern, schließlich mit der Rüttelmaschine. Sie lernten, wie präzise Verdichtung, Feuchte und Körnung zusammenwirken und wie sich daraus ein tragfähiger, homogener Bodenaufbau formen lässt. Auch Oberbürgermeister Thomas Keck schaute vorbei und setzte ein paar Schritte auf den frischen Boden.
Ausblick
Bis Ende 2025 schließen Stadt und Planer*innen den ersten Bauabschnitt ab. Der Lehmboden trocknet aus, erhärtet und erhält sein Oberflächenfinish. Dann liegt im Keller eine robuste, bauphysikalisch wirksame Fläche, die die historische Substanz fortführt und den Museumsumbau konstruktiv ergänzt – eine bleibende Spur, von den Studierenden hinterlassen.