Spurensuche im Bestand: Das Studio Gubener Fragmente

Das deutsch-polnische Guben ist geprägt von stillgelegten Fabriken, verlassenen Häusern, ungenutzten Räumen. Architekturstudierende nahmen diesen Leerstand als Ausgangspunkt für neue Entwürfe.

Zwischen den Ufern der Neiße liegt eine Stadt, die zwei Namen trägt: Guben auf deutscher, Gubin auf polnischer Seite. Einst vereint, trennt sie heute eine Grenze. Wer hier durch die Straßen geht, spürt schnell: Die gemeinsame Geschichte, über Jahrhunderte verflochten, prägt die Stadt bis heute. Alte Fabriken, leere Hallen, Backsteinfassaden – stumm, aber voller Geschichten, die darauf warten, neu entdeckt zu werden.

Hier setzte das Entwurfsstudio „Gubener Fragmente“ der BTU Cottbus-Senftenberg im Sommersemester 2025 an. Unter der Leitung von Prof. Katharina von Stuckrad verstanden Master- und Bachelorstudierende die Stadt Guben nicht als Problem, sondern als Möglichkeitsraum und fragten: Wie lässt sich Guben weiterschreiben? Welche Orte eignen sich für Interventionen, wie können Brachen aktiviert, wie neue Nutzungen verhandelt werden? Die Studierenden kartierten Guben als Sammlung räumlicher, sozialer und infrastruktureller Fragmente – als Grundlage für Szenarien, die alte Hüllen neu besetzen und hybride Räume zwischen Vergangenheit und Zukunft eröffnen.

Von der Textilhochburg zur geteilten Stadt

Aus einem mittelalterlichen Handelsplatz wurde im 19. Jahrhundert ein Industriezentrum von regionaler Bedeutung. Mit Wollspinnereien, Braunkohleabbau, Eisenbahnanschluss und repräsentativen Neubauten entwickelte sich Guben zur Textilhochburg der Niederlausitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschnitt die Oder-Neiße-Grenze die Stadt – seitdem existieren Guben (DE) und Gubin (PL) als Doppelstadt, räumlich getrennt, historisch verflochten.

Spuren dieser Brüche prägen das Stadtbild bis heute: aufgegebene Fabrikareale, fragmentierte Infrastrukturen, verschobene städtebauliche Bezüge. Um sich dieser Ausgangslage anzunähern, nahmen die Studierenden zunächst ausgewählte Referenzprojekte des Weiterbauens unter die Lupe – vom Klassiker Hans Döllgasts, dem Wiederaufbau der Alten Pinakothek in München bis zu jüngeren Positionen wie den minimalinvasiven Transformationen von Lacaton & Vassal in Dunkerque. Im Fokus stand dabei nicht die Form, sondern die Haltung: Welche Eingriffe bleiben minimal, welche sind radikal – und warum? Wie verhandeln sie das Verhältnis von Altem und Neuem? Aus den Einzelstudien entstand ein gemeinsamer Werkzeugkasten für den Umgang mit dem Bestand – ein Kompendium architektonischer Strategien zwischen Rekonstruktion und Neuschöpfung.

Auf Spurensuche

Mit der 3×3×3-Methode erkundeten die Studierenden schließlich Guben: drei Orte, drei Beobachtungsebenen, drei Zugänge – Foto, Zeichnung, Text. Sie untersuchten räumliche Grenzen, Materialspuren und verbliebene oder verdrängte Identitäten im Stadtraum. Statt nur zu kartieren, sollten sie ihren Blick auf das richten, was Pläne nicht zeigen: Atmosphären, Zwischentöne, zufällige Entdeckungen. Begleitet wurde die Analyse von zwei Leitbegriffen: Serendipität als produktiver Zufall und Genius Loci als räumlicher Charakter aus Licht, Geruch, Proportion und Klang.

Ein Beispiel: Mariana Rodopiano Pereira und Kelvin Nieves Betancourt dokumentierten ein altes Lagerhaus am Wasser. Von außen verwildert, von Graffiti überzogen, überraschte es mit einer offenen Struktur, die den Blick zum Fluss freigibt. Ihre Vision: ein temporärer Veranstaltungspavillon, der die Nachbarschaft ans Ufer zurückholt.

Experimentierfeld Leerstand

Aus Analyse, Feldforschung und Werkzeugkasten entstanden schließlich eigenständige Entwürfe, die den Leerstand nicht als Defizit, sondern als Potenzial begreifen. So entwickelten die Studierenden Projekte, die selbstbewusst, aber respektvoll in den Stadtraum eingreifen und ihn räumlich wie inhaltlich erweitern.

Ein Beispiel hierfür liefert der Entwurf „Wohnwerk Neiße“ von Lisa Struck: Ein ehemaliges leerstehendes Fabrikgebäude wird durch Maisonette-Wohnungen reaktiviert – die industrielle Hülle bleibt erhalten, das Innere formt ein neues Wohnmodell. Ein weiterer Entwurf, „Campus am Gleis“ von Lilian Nickel und Luka Deutsch, entwickelt ein neues Programm für den Bahnhof von Guben. Dabei kombiniert das Projekt ein Lehrgebäude mit Bibliothek und öffnet den Ort für die Anwohner*innen.

In Guben verdichtet sich eine Frage, die viele europäische Städte beschäftigt: Wie gehen wir mit Schrumpfung und Leerstand um? Die Entwürfe geben eine mögliche Antwort: nicht durch Rückbau oder Tabula Rasa, sondern durch präzise Interventionen, die das Vorhandene ernst nehmen, es neu codieren – und so aus dem Mangel eine Ressource machen.