Serpentine Value Chains: Hanf für einen gerechten Bausektor in Bhutan

Kéan Koschany untersucht in seiner Masterarbeit, wie hanfbasierte Bauprodukte zu einer sozial und ökologisch gerechten Entwicklung des Bausektors in Bhutan beitragen können.

Als ich im September 2024 im Rahmen des ReBuilt-Projekts von Bauhaus der Erde gGmbH zu einer Forschungsreise nach Bhutan aufbrach, wusste ich noch nicht, dass ein morgendlicher Spaziergang in Bumthang die Richtung meiner Masterarbeit bestimmen würde. In der Nähe unserer Unterkunft stieg mir der unverwechselbare Duft von blühenden Cannabis-Pflanzen in die Nase, die am Straßenrand wuchsen. Meine bhutanischen Projektpartner*innen erklärten, dass die Pflanze in vielen Teilen des Landes wild wächst, primär als Unkraut gilt und ihr Gebrauch bisher gesetzlich verboten ist. Eine zentrale Frage sollte von dort an mein weiteres Forschen bestimmen: Könnte dieses „Unkraut“ den Bausektor in Bhutan nachhaltig transformieren?

CO₂-Negativ, aber …

Bhutan, eines der wenigen CO₂-negativen Länder der Welt, steht vor einer wachsenden Herausforderung. Die rasante Urbanisierung treibt die Nachfrage nach emissionsintensiven und primär importierten Materialien wie Beton, Ziegeln und Stahl an. Während die scheinbar endlosen Wälder und die Wasserkraft das Land insgesamt klimaneutral halten, steigen die Emissionen der Bauindustrie. Die ökologischen und sozialen Kosten des Bauens werden zunehmend ins Ausland externalisiert.

Gleichzeitig leiden lokale Ökosysteme, traditionelle Handwerkskenntnisse gehen verloren und große Teile der Wertschöpfung finden außerhalb des Landes statt. Vor diesem Hintergrund wollte ich untersuchen, ob und wie hanfbasierte Baustoffe eine sozio-ökologisch gerechte und lokal verankerte Transformation der gebauten Umwelt Bhutans unterstützen können.

Wer gewinnt? Wer verliert?

Den theoretischen Hintergrund meiner Analyse bildet die Urban Political Ecology (UPE) – ein Ansatz, der Städte als komplexe Systeme zirkulierender und miteinander verflochtener Stoffwechselströme (Materialien, Energie, Arbeit, Wasser, Nahrung, Abfall usw.) begreift. Dadurch verstand ich, wie der bhutanische Bausektor – durch seine Abhängigkeit von emissionsintensiven Materialien und ausländischer Arbeitskraft – soziale Ungleichheiten und ökologische Belastungen (re-)produziert. 

Anstatt Nachhaltigkeit als rein technische Herausforderung zu betrachten, eröffnet UPE eine holistische Perspektive und fragt: Wer profitiert von der Urbanisierung, und wer trägt die Kosten? 

Ein Hanf-Ökosystem für Bhutan

Auf Basis dieser Analyse konzipierte ich ein Szenario für ein lokales Hanf-Ökosystem in der Hauptstadtregion Paro-Thimphu. Der Entwurf beschreibt ein dezentrales Netzwerk, das Kleinbäuer*innen, genossenschaftliche Kooperative, Verarbeitungsbetriebe, Hersteller*innen, Forschungseinrichtungen und Ausbildungszentren verbindet. Wegen des fehlenden Spielraumes für die Expansion von landwirtschaftlichen Flächen wird Hanf Schritt für Schritt in bereits bestehende landwirtschaftliche Praktiken integriert, und anschließend zu CO₂-speichernden Baustoffen wie Hanfkalk („Hempcrete“) und Dämmplatten verarbeitet.

Neben der Reduktion von grauen Emissionen und der Verbesserung der Gebäudeperformance könnte dieses System Arbeitsplätze schaffen, die landwirtschaftliche Diversifizierung fördern und die Abhängigkeit von Importen verringern. 

Ausblick

Mein Szenario zeigt das Potenzial von Hanf für eine regenerativ gebaute Umwelt in Bhutan, welche sowohl ökologische als auch soziale und ökonomische Ziele des Landes unterstützt. Obwohl die Pflanze noch nicht angebaut wird, ist sie eine vielversprechende Kandidatin für erste Pilotprojekte, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen und die Forschung zu vertiefen.

Letztlich knüpft die Arbeit an das Ziel des ReBuilt-Projekts bei Bauhaus der Erde an: Szenarien für regenerative Wertschöpfungsketten zu entwerfen, welche das Speichern von CO₂ in der gebauten Umwelt ermöglichen und das Bauen stärker mit lokalen Ökosystemen und Gemeinschaften verbinden. In Bhutan könnte die unscheinbare Hanfpflanze ein entscheidendes Puzzleteil sein.