Schutz als System: Ein Seminar zur Tarnung und Sichtbarkeit

Welche Rolle spielen Bunker in unserem Stadtraum? Lässt sich Krieg auch architektonisch lesen? Mit diesen Fragen setzten sich Studierende historisch, künstlerisch und räumlich auseinander.

Relikte der Vergangenheit oder aktive Protagonist*innen im Stadtraum? Am Institut für Architekturbezogene Kunst der TU Braunschweig beschäftigten sich die Geografin Stella Flatten und Gergely László zusammen mit dem Historiker Christian Kehrt mit historischen Luftschutzbauten. Im Seminar “Bunker und Luftschutz” untersuchten sie im Wintersemester 2025/26, wie Architektur als „Schutzmaschine“ funktioniert – sei es durch technische Rationalität, politische Instrumentalisierung oder gesellschaftliche Wahrnehmung. Das Ergebnis: eine Reihe konzeptioneller und experimenteller Formate und Interventionen.

Unbombable Archive - Max Kolditz

Architektur im Spannungsfeld von Krieg und Erinnerung

Den Ausgangspunkt des Seminars bildete Braunschweigs Geschichte als Rüstungsstandort im Nationalsozialismus und Ziel massiver Luftangriffe, insbesondere der Zerstörung großer Teile der Stadt im Oktober 1944. Die verbliebenen Bunkerstrukturen dienten als materielle Zeugnisse dieser Vergangenheit und wurden als Teil einer fortwirkenden räumlichen Ordnung verstanden. Orte wie der Beobachtungsbunker am Nußberg, der Bunker in der Knochenhauerstraße – errichtet auf den Trümmern einer zerstörten Synagoge – oder Splitterschutzzellen im Hafen sollten nicht nur dokumentiert, sondern historisch, politisch und stadträumlich eingeordnet werden.

Das Seminar betonte auch die institutionelle Verstrickung der Architektur: Am heutigen Institutsstandort wurde im „Dritten Reich“ mit der sogenannten „Braunschweiger Bewehrung“ aktiv an Luftschutztechnologien geforscht. Historische Quellen offenbarten, wie eng technische Innovation, politische Ideologie und individuelle Verantwortung miteinander verwoben sind. Architektur sei keine neutrale Disziplin, sondern eine Akteurin in militärischen und gesellschaftlichen Machtgefügen. 

Methoden der Analyse, Erfahrung und Aneignung

Das Seminar verband geschichtswissenschaftliche Analyse mit künstlerisch-praktischen Zugängen. In frühen Übungen interpretierten die Teilnehmenden Texte wie die Stellungnahme Theodor Kristens von 1946 sowohl analytisch als auch gestalterisch, um Verantwortung und Handlungsspielräume von Architekt*innen in Extremsituationen zu hinterfragen. Parallel dazu erfolgte eine intensive ortsspezifische Auseinandersetzung: Studierende wählten individuelle Bunkerstandorte, erstellten Steckbriefe, fotografische Serien und entwickelten sogar eine persönliche Beziehung zu den Bauwerken.

Der Bunker wurde dabei nicht nur als Objekt untersucht: Wiederholte Besuche, atmosphärische Beobachtungen und körperliche Positionierungen schärften das Verständnis von Architektur als sinnlich erfahrbares System. Ergänzend dazu betrachtete das Seminar Schutzräume in aktuellen Konflikten: Improvisierte Strukturen, Tarnstrategien und informelle Bauweisen zeigten, dass Schutz kein statisches Konzept ist, sondern sich kontinuierlich an veränderte Bedingungen anpasst. 

Von der Schutzstruktur zur räumlichen Praxis

Die Seminararbeiten übersetzten diese Erkenntnisse in unterschiedliche Maßstäbe und Medien. Die Installation „Unbombable Archives“ interpretierte Wissen als Schutzform: Der Autor baute an einer Splitterschutzzelle im Hafen eine wachsende Sammlung wissenschaftlicher Bücher auf, deren Aneignung und Ordnung zum räumlichen Prozess wird. Schutz entstand hier nicht durch Materialität allein, sondern durch kritische Informationspraxis – als Gegenmodell zu Manipulation und Propaganda.

Die performative Arbeit „Verschwinden im Verbinden“ übertrug die architektonische Formsprache des Beobachtungsbunkers am Nußberg auf den menschlichen Körper. Zwei miteinander verbundene Personen erzeugten durch Bewegung und Abhängigkeit eine kollektive Struktur, die zwischen Sichtbarkeit und Auflösung schwankte. Mit „Vaporous Bodies“ verschob sich der Fokus auf atmosphärische Strategien der Tarnung: Nebel fungierte als temporäre Hülle, die Körper schützt, Sichtbarkeit reguliert und räumliche Grenzen auflöst. In Anlehnung an historische Tarnmaßnahmen verstand die Arbeit Schutz als flüchtiges, situatives Phänomen. 

Die Projekte zeigten, dass Schutz scheinbar weit über die gebaute Hülle hinausgeht. Er manifestiert sich als dynamisches System, das Bedeutungen erzeugt, verschiebt und immer wieder neu verhandelt werden muss.