Schutt oder Chance: Bauschuttrezyklat in Stampflehm

Darlyn Richter und Alin Molavi zeigen in ihrer Masterthesis, wie sich Bau- und Abbruchabfälle zu einem tragfähigen Stampfbaustoff verarbeiten lassen. Dafür entwerfen sie eine Kreislaufstrategie für Berlin-Brandenburg.

Im Rahmen unserer Masterthesis „Schutt oder Chance: Bauschuttrezyklat in Stampflehm“ haben wir untersucht, wie mineralische Bau- und Abbruchabfälle als Ressource für einen tragfähigen Baustoff nutzbar gemacht werden können. Im Fokus stand dabei die Entwicklung eines Schutt-Stampf-Baustoffs aus rezyklierter Gesteinskörnung. Eine Stoffstromanalyse diente als Grundlage, um das Abfallaufkommen quantitativ zu erfassen und Potenziale für eine urbane Kreislaufstrategie für die Metropolregion Berlin-Brandenburg aufzuzeigen.

Mineralische Bauabfälle: unterschätzte Ressource

In Deutschland werden jährlich rund 564,1 Millionen Tonnen mineralische Gesteinskörnung verbaut. 2022 fielen zugleich 207,9 Millionen Tonnen mineralische Bau- und Abbruchabfälle an – allein 55 Millionen Tonnen durch Gebäudeabriss. Zwar werden 75 Millionen Tonnen zu Recycling-Baustoffe weiterverarbeitet, doch der Großteil findet seine Wiederverwertung lediglich im Straßenbau. Die Produktkreisläufe sind bislang nicht vollständig geschlossen, und die stofflich-technischen Eigenschaften werden nicht ausreichend genutzt. Für den Hochbau bleibt diese Ressource bislang weitgehend ungenutzt. Dabei wäre es naheliegend, Materialien aus dem Hochbau auch wieder in diesen zurückzuführen – hochwertig aufbereitet und regional verfügbar. Genau hier setzt unsere Arbeit an. 

 

Materialstudie Schutt-Stampf-Baustoff

In einer experimentellen Materialstudie testeten wir die Baustoffzusammensetzung aus rezyklierter Gesteinskörnung und bindigem Lehm aus Baustellenaushub für einen tragfähigen Schutt-Stampf-Baustoff aus 100%-Recycling-Material. In mehreren Prüfserien haben wir Stampfmischungen aus Bauschutt-Rezyklat verschiedener Korngrößen mit Lehm hergestellt. Die Prototypen wurden unter normgerechten Verfahren auf ihre Korngrößenverteilung, ihre Rohdichte und ihr Schwindverhalten untersucht und über den einaxialen Druckfestigkeitstest auf ihre Tragfähigkeit geprüft. Das Ergebnis: Mehrere Mischungen erreichten den praxisrelevanten Schwellwert von 2 N/mm² und damit die Tragfähigkeit, die für tragenden Stampflehm erforderlich ist.

Unser Experiment leistet damit eine fundierte Grundlage für die architektonische und bautechnische Weiterentwicklung eines ressourcenzirkulären Schutt-Stampf-Baustoffs, der den Materialkanon des Hochbaus erweitern könnte.

Urbane Implementierungsstrategie: Theorie trifft Praxis

Angesichts der zunehmenden Diskrepanz zwischen globalem Rohstoffbedarf und der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen gewinnen urbane Räume als sekundäre Rohstoffquellen strategisch an Bedeutung. Unser Konzept schlägt eine systemisch gedachte, kreislauforientierte Strategie für die Etablierung des Schutt-Stampf-Baustoffs im Hochbau vor: Abbruchmaterialien werden lokal gesammelt, aufbereitet und in geschlossene Materialkreisläufe geführt, wodurch das urbane Rohstofflager dynamisch erschlossen werden kann.

Berlin als Labor

Die Region Berlin bietet dafür die besten Voraussetzungen: Über 140 Abbruchunternehmen und 37 Aufbereitungsanlagen bilden ein dichtes Netzwerk und eine infrastrukturelle Grundlage für eine lokal gebundene, emissionsarme Wiederverwertung. Recyclinghöfe können die Schnittstelle zwischen Rückbau, Materialaufbereitung und Vertrieb sein. Digitale Prozessketten und Vorfertigungstechniken erhöhen die Effizienz und schaffen die Grundlage, Sekundärrohstoffe in einem ganzheitlichen Materialkreislauf im Hochbau wiederzuverwerten.

Bauschutt ist kein Abfall, sondern eine Ressource. Der Schutt-Stampf-Baustoff eröffnet neue Perspektiven für eine nachhaltige Architektur und könnte helfen, Materialkreisläufe konsequent zu schließen.