MYCO+: Ein Reallabor mit (nach)wachsender Außenwirkung

Im Reallabor MYCO+ untersuchen Studierende gemeinsam mit Zivilgesellschaft, Schüler*innen und lokalen Akteur*innen, wie myzelbasierte Baustoffe entstehen.

Wer durch die Zinnwerke in Hamburg-Wilhelmsburg läuft, sieht zuerst eine transluzente Hülle. Dahinter: ein ehemaliger Getreidetrockner, demontiert, hierher versetzt und vor Ort neu aufgebaut. Zusammen hat ein Forschungsteam an der HafenCity Universität Hamburg (HCU) gemeinsam mit dem Zinnwerke e. V. hier das Reallabor MYCO+ geschaffen: ein offenes Experimentierfeld für myzelbasierte Verbundstoffe. Anders als in abgeschotteten Laboren findet die Forschung hier unter realen räumlichen und klimatischen Bedingungen statt. Ziel ist es, myzelbasierte Materialien vor Ort zu testen und bis zur baulichen Anwendung weiterzuentwickeln, ihre Potenziale und Grenzen zu untersuchen und die Prozesse in Forschung, Lehre und Schule zu vermitteln – gemeinsam mit Akteur*innen aus der Stadt.

Offenes Setup statt abgeschottetes Labor

Das Reallabor soll diese Prozesse sichtbar machen. Durch die durchscheinende Hülle lassen sich Licht, Bewegung und Arbeitsabläufe von außen beobachten. Innen bestehen die Wände aus wiederverwendeten Ausstellungspanelen des Museums am Rothenbaum (MARKK), außen schützt Birkenrinde vor Witterung. Regale mit wachsenden Proben, gestapelte Formen und improvisierte Werkzeuge prägen das Bild.

Geforscht wird hier nicht in einem festen Team, sondern in einer offenen Konstellation. Im Zentrum stehen Studierende der HCU, die den gesamten Herstellungsprozess durchlaufen: Sie bereiten Substrate auf, beimpfen sie, steuern das Wachstum und überführen die Materialien in Bauteile. Begleitet werden sie von wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, die die Versuche strukturieren, Parameter auswerten und die Ergebnisse im Prüflabor überprüfen. Ergänzt wird diese Arbeit durch Workshops und offene Formate in den Zinnwerken. Schüler*innen, Besucher*innen und lokale Akteur*innen arbeiten zeitweise mit am Material. So entstanden neue Fragestellungen oft direkt im Prozess. Parallel dazu werden die Druckfestigkeit, Dichte und Wärmeleitfähigkeit im Prüflabor der HCU gemessen.

Material als Prozess

Im Zentrum der Asueinandersetzung steht Myzel, das Wurzelgeflecht von Pilzen. Es wächst durch organische Reststoffe, umschließt Partikel und verbindet sie zu einem festen Verbund. Das Reallabor verwendet lokale Materialien: Holzreste aus Zimmereien, Hanffasern oder japanischer Staudenknöterich. Das Reallabor konzentriert sich darauf, tragfähige Bauteile aus Myzel zu entwickeln und untersucht zusätzlich Anwendungen wie Dämm- oder Ausbauelemente. Aus den verschiedenen Mischungen entstanden bereits Dämmplatten, leichte Verbundelemente und erste tragende Komponenten. Deren Eigenschaften entstehen im Prozess und lassen sich gezielt über Substratstruktur, Partikelgröße sowie Feuchtigkeit, Temperatur und Inkubationsdauer beeinflussen. Die Studierenden steuerten, wie dicht das Gefüge wurde, welche Festigkeit es erreichte und wie sich die Oberfläche ausbildete, indem sie die Parameter für jede Mischung neu einstellten und während des Prozesses anpassten. Jede Probe reagierte anders – und zeigte, wie eng Materialeigenschaften und Herstellungsprozess zusammenhängen.

Vom Versuchskörper zum Bauteil

Im kleinen Maßstab blieben die Versuche präzise steuerbar. Im Maßstab 1:1 ging diese Kontrolle verloren. Die Wandpaneele und Dämmmodule im Format von etwa 120 × 60 cm reagierten deutlich stärker auf wechselnde Klimabedingungen im Reallabor. Ein fünf Zentimeter starkes Paneel trocknete über mehrere Wochen. In dieser Zeit reagierten die Materialien sensibel auf Schwankungen in Luftfeuchte und Temperatur. Wachstum, Trocknung und Stabilisierung liefen nicht mehr synchron. Die Teams brachen Versuchsreihen ab, passten Mischungen an und dokumentierten die Abweichungen: Kontaminationen, Restfeuchte, Versprödung. Sie führten diese Unterschiede auf Parameter wie Substratzusammensetzung, Pressgrad und Inkubationsdauer zurück. Darin lag auch der Erkenntnisgewinn: Myzel ließ sich nicht unabhängig vom Prozess bewerten. Materialeigenschaften entstanden erst im Zusammenspiel von Herstellung und Umgebung – und darin liegt auch das Potenzial für neue, prozessbasierte Bauteile.

Architektur unter anderen Bedingungen

Das Reallabor bleibt offen – als Werkstatt, Denkraum und Versuchsanordnung zugleich. Wer hingeht, sieht keine fertige Lösung. Sondern einen Prozess, der zeigt: Myzel-Materialien sind kein Ersatzstoff. Sie sind ein anderes Bausystem. Mit eigenen Regeln, eigener Zeitlichkeit, individuellen Unsicherheiten. Das MYCO+ macht sie sichtbar somit zugleich verhandelbar.