Mobil, modular, multifunktional: Prototypen für die Zukunft der Küche
Seit dem bahnbrechenden Entwurf der Frankfurter Küche ist fast ein Jahrhundert vergangen. Seitdem haben sich Gesellschaft und Esskultur weiterentwickelt. Wie Küchenräume – auch ohne Raum – aussehen können, zeigen die Abschlussarbeiten der German Design Graduates.
Revolutionär und unvergessen – im kommenden Jahr feiert die Frankfurter Küche 100-jähriges Jubiläum. Mit dem Prototyp der modernen Einbauküche schuf Margarete Schütte-Lihotzky 1926 nicht nur den Abläufen entsprechende, standardisierte und platzsparende Küchenmöbel. Als Teil des sozialen Wohnungsbauprojekts Neues Frankfurt zielte der Raumentwurf darauf, die Hausarbeit zu rationalisieren und die Lebensbedingungen der Menschen, insbesondere der Frauen, zu verbessern. Die neue Küche setzte ein soziales Statement.
Seitdem hat sich viel getan: Küchenräume sind offener gestaltet, befreit von der Enge reiner Zweckmäßigkeit. Eine Fülle an Oberflächen und Farben bieten unbegrenzte Möglichkeiten für die gestalterische Integration in den Wohnraum. Die Modularität, basierend auf standardisierten Maßen, blieb jedoch erhalten.
Doch wenn Menschen sich in ihrer Größe und Beweglichkeit unterscheiden, wieso sehen dann unsere Küchen gleich aus? Wie kann der Vielfalt durch anpassungsfähige Möbel Rechnung getragen werden? Wie können Küchen als kommunikativer Ort den Austausch und Sinn von Gemeinschaft fördern? Diese Fragen stellten sich junge Design-Absolvent*innen, deren Abschlussarbeiten auf der Plattform German Design Graduates (GDG) präsentiert werden.
elements
Der modulare Entwurf elements von Valentin Bufler zerlegt die Standardküche in umsteckbare, bewegliche Komponenten. Das Basismodul hat Schubladen und ist mit Arbeitsflächen für Waschen, Zubereiten und Kochen kombiniert. Die Elemente lassen sich nebeneinander auf unterschiedlichen Höhen in U-Profile einhängen, die an der Wand montiert sind. Ein Schrank mit eingebautem Paternostersystem nutzt den Stauraum in der Höhe, ohne die Selbständigkeit der Nutzer*innen einzuschränken. Das elements System des Absolventen der Universität der Künste Berlin ist flexibel, horizontal als auch vertikal erweiterbar und passt sich so den individuellen Anforderungen der Nutzer*innen an.
MO:CO Kitchen
Ebenfalls als modulares, erweiterbares Küchensystem konzipiert, bietet MO:CO Kitchen von Friedrich Kreppel, ebenfalls von der Universität der Künste Berlin, zudem Mobilität. Die robusten Einheiten bestehen aus einem Metallrahmen mit Polycarbonatplatten. Sie sind stapelbar und mithilfe des fahrbaren Untersatzes leicht zu transportieren. Das geringe Gewicht erleichtert die flexible Anpassung an die jeweiligen Bedürfnisse. Eine eingehängte Platte zwischen zwei Moduleinheiten dient als Esstisch oder Tresen. Der spontanen Party im Park steht nichts im Weg.
Guerilla Kitchen
Erik Mantz-Hansen von der Muthesius Kunsthochschule Kiel holt mit seinem Projekt Guerilla Kitchen auch die Küche auf die Straße. Die knallgelben Kunststoffboxen lassen sich stapeln und mit großen Clips befestigen. Passgenaue Edelstahleinsätze erlauben die einfache und hygienische Umlagerung von Lebensmitteln aus dem Kühlschrank in die mobile Küche, und robuste Treppenräder erleichtern den Transport zum gewünschten Standort. Die kompakte Größe überrascht: Beim Aufbau entpuppt sich der Modulturm als Multifunktionsstand inklusive seitlich ausklappbarer Arbeitsflächen, Sonnenschirm und Angebotstafel. Der Guerilla Kitchen Praxistest zeigt die einfache Handhabung – ideal, um mit wenig Kapital ein Street-Food-Geschäft zu starten.
COOKiN
Bewusst an einem festen Standort präsentiert sich hingegen die Koch- und Esswerkbank COOKiN von Giwon Min. Der Absolvent der Bauhaus-Universität Weimar reagiert auf die oft uninspirierte Anordnung von Gemeinschaftsküchen durch einen neuen Mittelpunkt – eine zentrale, von zwei Seiten nutzbare Werkbank, die kochen und essen kombiniert. Der Kochprozess wird zum sozialen Austausch, bei dem sich die Nutzer*innen gegenüber stehen; der Übergang zum gemeinsamen Esstisch ist fließend. COOKiN fördert spontane Gespräche und macht die Küche zum lebendigen Ort der Gemeinschaft.
Die Entwürfe reagieren auf heutige Anforderungen und Lebensrealitäten. Sie spiegeln die veränderte Wahrnehmung der gesellschaftlichen Vielfalt wider. Auffällig ist auch die Materialität: Die Leichtigkeit der kleinteiligen, teils transluzenten Module wird mit Signalfarben wie kräftiges Blau, Gelb und Orange verbunden und setzt spielerische Akzente im Küchendesign.