Lehm trifft Birke: Der Testkörper mit Himmel

Ein rundes Haus ohne Dach – aus Restbeton, Lehm und Birkenrinde gebaut. Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist ein 1:1-Testkörper, der am 18. Juli im Rahmen des Rundgangs auf dem Campus der TU Braunschweig öffentlich präsentiert wird.

Mitten auf dem Campus der Technischen Universität Braunschweig steht seit Kurzem ein rundes Bauwerk aus Lehm. Es ist offen, hat zwei Eingänge, eine Sitzbank im Inneren und lässt den Blick in den Himmel frei. Was auf den ersten Blick wie ein kleiner Pavillon aussieht, ist ein experimenteller „Testkörper mit Himmel“. Rund 40 Architekturstudierende errichteten den Pavillon im Frühjahr 2025, unter der Leitung von Prof. Helga Blocksdorf (Institut für Baukonstruktion), Prof. Elisabeth Endres (Institut für Bauklimatik und Energie der Architektur) sowie David Moritz (Verwalter der Professur IMDR). Der Bau ist Teil eines interdisziplinären Seminars, bei dem Entwurf, Konstruktion und Materialforschung direkt ineinander greifen.

Die Schalung bleibt dran

Nicht der Lehm macht den Pavillon besonders, sondern das, was ihn in Form bringt: Die aufwendig gefertigte Holzschalung wurde nicht entsorgt, sondern blieb Teil der Konstruktion. Sie bildet die Sitzbank im Inneren und das Gerüst für das flache Attikadach. Zusätzlich montierten die Studierenden zum Wetterschutz Birkenrinde als „Dachziegel“. Der Materialtest: Wie haltbar ist Birkenrinde als Abdichtung? Und wie kann die natürliche Tendenz der Rinde, sich in Rundungen zu legen und unter Sonneneinstrahlung aufzurollen, konstruktiv genutzt werden? Diese Aspekte flossen in die Gestaltung der Attika ein. 

Prof. Helga Blocksdorf setzte somit das konstruktive Experiment fort, Birkenrinde als Baumaterial einzusetzen. Bereits beim Bau des sogenannten „Birkenhäuschens”, einem Aussichtstor am Stadtschloss Weimar, experimentierte die Architektin im Jahr 2021 mit dem lokalen Material als Fassadenverkleidung. An der TU Braunschweig führt sie die Forschung mit dem Naturmaterial im akademischen Rahmen weiter.

Zehn Tonnen Lehm und ein Rest Beton

Der Bauprozess verlangte Improvisation und Präzision. Die Betongründung? Eine spontane Materialspende von einer nahegelegenen Baustelle – organisiert von Linus Starmann, Rohbauer und Architekturstudent. Die Schalung? Unter Anleitung von Tischlermeister Thomas Wilde gefertigt. Studierende stampften den Lehm in Handarbeit, Schicht für Schicht, jede exakt acht Zentimeter dick. Insgesamt verarbeiteten sie zehn Tonnen Material, durchsetzt mit Trasskalkschichten, die eine kontrollierte Erosion zulassen. 

Für die fachgerechte Realisierung der Stampflehmwand war die Expertise von David Moritz, ehemaliger Mitarbeiter von Martin Rauch, entscheidend. Er entwarf und leitete den Schalungsbau und entwickelte die Details für den Stampfprozess. Während des zweiwöchigen Bauprozesses vermittelte er dieses Wissen vor Ort.

Rundgang mit Testreihe

Der „Testkörper mit Himmel“ ist eines von vier Experimentalprojekten, die im Sommersemester 2025 am Department Architektur der TU Braunschweig entstanden. Am Freitag, dem 18. Juli, öffnen alle Institute ihre Türen zum Rundgang. Neben dem Lehm-Pavillon werden das "Demonstrator Dach", ein "Dreigurtträger" und das Projekt "Mixed Massive" gezeigt – alles 1:1-Konstruktionen, die zwischen Werkstatt und Baustelle architektonisches Wissen neu ausloten. Wer erleben will, wie Birkenrinde zum Dach wird und Lehm zu Wänden, sollte vorbeischauen.