La Rivoluzione delle Seppie: Mikro-Utopien am Mittelmeer

Der Verein La Rivoluzione delle Seppie renovierte in Belmonte Calabro ein leerstehendes Nonnenhaus – als kollektive Plattform zwischen Architektur, Bildung und sozialer Praxis.

Der gemeinnützige Kulturverein La Rivoluzione delle Seppie (dt. Die Revolution der Tintenfische) ergründet seit 2016 neue Formen des Zusammenlebens in Kalabrien, Süditalien. Wie der im Namen steckende Tintenfisch, ein anpassungsfähiges, tastendes Wesen der Tiefe, will der Verein ebenfalls mit seiner Umgebung agieren. Das Ziel: durch Kunst, Architektur, Bildung und kollektives Handeln neue soziale Netzwerke in Kalabrien aufzubauen. 2019 übergab die Stadt Belmonte Calabro dem Verein ein leerstehendes Nonnenhaus im Ortskern. Gemeinsam mit dem Architekturkollektiv Orizzontale und lokalen Helfer*innen renovierten sie schrittweise das Gebäude, welches seitdem als Hauptquartier des Vereins dient. 

Zwischen alten mediterranen Mauern

Belmonte Calabro, ein historisch gewachsenes Küstendorf am Tyrrhenischen Meer, ist von Leerstand und demografischem Wandel geprägt. Gleichzeitig fungiert der Ort als Ankunftspunkt für Menschen mit Fluchterfahrung, die über das Mittelmeer nach Europa gelangen. Ihre Perspektiven fließen direkt in die Arbeit des dort aktiven Vereins ein. Im Austausch mit internationalen Künstler*innen, Architekturstudierenden und lokalen Bewohner*innen soll so ein kollektiver Prozess des Lernens, Gestaltens und Aushandelns entstehen, der offen in Form und Ergebnis ist.

Ein Festival für Austausch und Wandel

Mit der Festivalreihe Crossings organisiert La Rivoluzione delle Seppie jedes Jahr eine intensive Arbeitswoche voller Workshops, Performances und Aktionen, mit dem Ziel, Belmonte Calabro zu aktivieren und gemeinsam weiterzubauen. Ein Beispiel ist Mercato Marina, ein Projekt aus dem Jahr 2022: Unter der Leitung von Orizzontale und in Zusammenarbeit mit der Architektin Anna Forciniti ergab sich zwischen Marktplatz und Strand eine neue städtische Infrastruktur. Im Zentrum stand Tavolate – ein langer Tisch, der durch gemeinsames Essen, Gespräch und Gestaltung zum sozialen Treffpunkt wurde. Ergänzend bauten die Teilnehmenden am Hafen eine Sitz- und Liegeplattform sowie ein kleines Boot.

2025: BelMondo Reloading

Nach einem weiteren Jahr der Renovierung eröffnete der Verein im Mai 2025 die Casa mit einer intensiven Veranstaltungswoche unter dem Titel BelMondo Reloading. Ein bewegender Höhepunkt war die Performance des Künstlers Nico Angiuli: Er projizierte Porträts kalabrischer Frauen, die durch patriarchale oder mafiöse Gewalt ums Leben kamen, auf lokale Denkmäler. Begleitet wurde die Installation von seiner Stimme und historischen Textfragmenten, die den öffentlichen Raum so zu einem kraftvollen feministischen Resonanzkörper machen sollten. Des Weiteren verwandelte der Workshop von Esmee Maluta und Julia Leanie Rosner, den Schlafsaal der Casa in eine Skulptur. In einem mehrphasigen, gemeinschaftlichen Bauprozess reflektierten die Teilnehmenden über Themen wie Ruhe, Erschöpfung und das Miteinander.

Wie die Casa das Dorf verwandelt

Inzwischen ist die Casa zu einem festen Bezugspunkt in Calabro geworden – für die Anwohnenden ebenso wie für ein wachsendes internationales Netzwerk. La Rivoluzione delle Seppie organisiert seither kulturelle Formate vor Ort und bringt Fördermittel ins Dorf. Über die Jahre wurden erste Veränderungen sichtbar: Wege wurden saniert, der historische Schlossgarten geöffnet, lokale Praktiken und Handwerkstechniken gestärkt. Entstanden ist eine leise, aber nachhaltige Transformation, die präzise in der Umsetzung, offen in der Wirkung, mit räumlichen und sozialen Verbindungen aus Holz, Textilien und Zusammenarbeit scheint.